Wir kämpfen dafür, dass wir und unsere Kinder eine Klimazukunft haben

Interview

In der Slowakei kämpft eine Gruppe von Müttern gemeinsam mit Expert*innen und anderen Klimaaktivist*innen für  Klima- und Umweltschutz in ihrem Land. Ein Gespräch mit Dorota Osvaldová der Bewegung "Znepokojené matky" über ihre Ziele, Projekte und Probleme.

Lesedauer: 6 Minuten
Protest von Müttern mit Kindern auf dem Arm und Transparent.

Warum und wann habt Ihr Euch gegründet?

2018, als Fridays for Future begann, Massenproteste zu organisieren, da meinten einige Leute, die Schüler und Schülerinnen sollten in die Schulbänke zurückkehren. Wir Eltern wollten ihnen unsere Unterstützung ausdrücken, denn Bildung ist zwar für die Zukunft eines jeden ungemein wichtig, aber welche Perspektive haben diese jungen Leute auf einem toten Planeten? Deshalb entschlossen wir uns einen Klimamarsch zu organisieren, der auch uns Erwachsenen Raum gibt , die jungen Leute zu unterstützen.

Die besorgten Mütter teils mit ihren Kindern und Plüschtieren mit einem Transparent.
Mütter blockieren den Eingang des slowakischen Finanzministeriums. Auf dem großen Transparent steht "Die Liebe für unsere Kinder ist unendlich, die Resourcen unseres Planeten nicht”.

Welche Ziele verfolgt Ihr mit Eurer Bewegung?

Unser Ziel ist, dass unsere Politiker den Klimawandel ernst zu nehmen beginnen. Deshalb gehen wir zu ihnen und drängen sie dazu, endlich das zu erfüllen, wozu sie sich in der Pariser Erklärung verpflichtet haben. Zu den Aktionen unserer Bewegung kommen wir mit unseren kleinen Kindern, denn sie sind es, um deren Zukunft es hier geht, die Politiker sollen sie bei ihren Entscheidungen nicht vergessen.

Und an welchen Projekten arbeitet Ihr derzeit?

In letzter Zeit haben wir viel an einer Klimapetition gearbeitet, die mehr als 128.000 Slowaken unterschrieben haben. Wir wollen, dass die Politiker die Stimme des Volkes hören und die Regierung dazu verpflichten, in dieser Richtung zu handeln. Wir hofften alle, dass das Parlament den Klimanotstand ausruft, der eine Serie positiver Politiken anstoßen könnte. Leider erhielten wir wieder nur leere Versprechungen, die von konkreten Handlungen weit entfernt sind. Das war aber für uns kein Grund aufzugeben.

Habt Ihr Partner*innen, mit denen Ihr gemeinsam für mehr Klimaschutz kämpft?

Der Klimawandel ist ein komplexes Problem, das nicht eine einzelne Lösung hat, sondern eine ganze Palette von Instrumenten. Die Politiker fragen uns, die Mütter im Mutterschaftsurlaub, wie wir uns vorstellen, dass sie handeln sollten. Diese Frage ist eigentlich ziemlich absurd, denn die Politiker haben fast unbegrenzte Mittel und eine Armee gut bezahlter Experten zur Unterstützung, die ihnen auf diese Fragen antworten könnten. Sie fragen nach der Lösung jedoch die Mütter, die sich zwischen Wickeln und Stillen um die Klimaperspektive ihrer Kinder sorgen und ihre Arbeit auf freiwilliger unentgeltlicher Basis machen. Das ist oft eine Strategie, die den Eindruck vermitteln soll, dass es noch keine Lösung gibt oder wir sie nicht kennen. Das ist jedoch eine Lüge. Lösungen gibt es und sie könnten sofort angewandt werden, aber es fehlt der politische Wille sie umzusetzen. Deshalb arbeiten wir mit Experten verschiedener Gebiete zusammen, auf die wir uns stützen können und die ihre Aussagen mit Daten belegen. Wir würden gern mit Politikern zusammenarbeiten, damit wir ihnen eine Art Kompass sind, der unser Land auf einen nachhaltigen Weg führt.

Protest der besorgten Mütter mit Transpi und Kinderrasseln.

Welche Kämpfe verbindet Ihr mit Eurem Engagement?

In der Slowakei wird der Klimawandel nur als ein Problem des Lebensraumes und nicht als zentraler Faktor radikaler gesellschaftlicher, ökonomischer, ja existenzieller Veränderungen betrachtet, die uns erwarten, wenn wir da nicht endlich handeln.

Wir kämpfen dafür, dass wir und unsere Kinder eine Klimazukunft haben werden. Wir wollen auch, dass die Klimaveränderungen sozial gerecht sind. Wir wissen, dass diese Veränderungen zu Lasten der unteren und mittleren Schichten gehen. Deshalb fordern wir, dass die Politik die Unterschiede in der Gesellschaft verringert und nicht noch weiter vertieft.

Wie hat sich Eure Arbeit durch die Corona-Pandemie verändert?

Da die meisten von uns im Mutterschaftsurlaub sind und wir uns um kleine Kinder kümmern, hat das Versammlungsverbot unsere Aktivitäten erheblich beeinträchtigt, denn kleine Kinder sind von Gesprächen über Zoom wenig angetan. Wir begannen daher erst zu kommunizieren, wenn die Kinder schliefen, was oft ziemlich ermüdend war. Das zwang uns, an unsere Aktivitäten strategischer heranzugehen, um die kurze Zeit für wirklich wichtige Dinge mit großer Wirkung zu nutzen.

Seht Ihr die Corona-Krise eher als Rückschlag oder als eine Chance der Bewegung für Klimagerechtigkeit?

Wir glauben, dass wir alle ein Gegenargument für das aus Politikermund so häufig gehörte „das geht nicht“ erhalten haben. Die Pandemie hat uns gezeigt, was wirklich wichtig ist und was wir für ein reiches und sinnvolles Leben brauchen. Ein neues iPhone oder Auto gehören bestimmt nicht dazu.

Was ist bislang Euer größter Erfolg?

Wir betrachten die gewaltfreie Blockade des Finanzministeriums der Slowakischen Republik mit Kinderbettchen als unseren größten Erfolg. Das Ministerium wird nämlich die Gelder aus dem Plan zur Erneuerung nach der Pandemie verteilen und das muss so geschehen, dass uns alle Vorhaben einer grünen Zukunft näher bringen.

Mit Kinderwagen zum Protest für mehr Klimaschutz - die Bewegung der wütenden Mütter in der Slowakei

Es war prima, dass die Staatssekretäre zu uns kamen, sich mit uns unterhielten und uns zu einem Treffen einluden, wo wir unsere Forderungen vortragen konnten. Wir werden sehen, ob das letzlich zu handfesten Resultaten führt.

Auch gegenwärtig versuchen wir den Politikern die Bedeutung des Klimawandels näher zu bringen, da hier immer noch viele die Dringlichkeit der Situation nicht wahrgenommen haben. Der aktuelle Vorsitzende unseres Parlaments meinte, dass der Klimawandel für ihn unwichtig ist, und der Chef einer der Regierungsparteien sagte, dass tauende Gletscher auch wieder einfrieren werden. In der Atmosphäre einer solchen Arroganz der Politiker gegenüber den kommenden Generationen ist es sehr schwer konkrete Ergebnisse zu erzielen.

Wo müssten und könnten denn Politikerinnen und Politiker am ehesten ansetzen?

Bei der Umstellung im Energiesektor. Da ist die Lösung eigentlich einfach und hätte große Auswirkungen für die Treibhausgasemission. Heute wissen wir, dass Kohlekraftwerke nicht nur die Umwelt und das Klima schädigen, sondern auch unökonomisch sind. Aber statt sich jetzt erneuerbaren Energien und der Umstellung der Netze auf die neuen Anforderungen zuzuwenden, befassen wir uns jetzt mit einem weitern fossilen Brennstoff, dem Gas. Das ist wie vom Regen in die Traufe. Außerdem würde ich eine Veränderung der europäischen Finanzierungspolitik für die Landwirtschaft begrüßen. Gegenwärtig werden große Agrarkooperationen unterstützt, die nur ihre Profite sehen und nicht unsere Gesundheit und die der Landschaft. Diese Gelder sollten eher kleinen Landwirten zugute kommen, die auf Chemikalien und Gifte verzichten und das Leben auf den Äckern befördern. Nicht zuletzt würde ich mir wünschen, dass in sinnvolle Alternativen zu Stahl und Zement investiert wird, denn bei deren Produktion stoßen die Fabriken gewaltige Emissionen aus, die dann die dort wohnenden Familien einatmen müssen. Das ist für mich ein so wichtiges Thema, weil ich in einer Region mit Schwerindustrie aufwuchs, wo Smogalarm und saurer Regen ein fester Bestandteil unseres Lebens war.

Bei welchen Themen würdet Ihr Euch gern mit deutschen Initiativen vernetzen bzw. seid Ihr bereits vernetzt? Mit wem und warum?

Wir würden gern mit anderen Elternbewegungen in Kontakt treten, damit wir auf der Ebene der europäischen Politik auch gemeinsam für unsere Zukunft kämpfen können.

⇒ Interview in tschechischer Sprache