Die Vision, auch noch Folgegenerationen den Blick in bzw. einen Spaziergang durch einen Tagebau zu ermöglichen, könnte bei allem Charme zu erheblichen Problemen führen. Wir blicken auf Argumente, die dafür und dagegen sprechen.
Wird ein Kohle-Tagebau stillgelegt, braucht es einen Sanierungsrahmenplan, der von dem jeweils zuständigen regionalen Planungsverband aufgestellt wird. Für die Lausitz ist dies der Regionale Planungsverband "Oberlausitz-Niederschlesien", für das Mitteldeutsche Revier der Regionale Planungsverband "Westsachsen". In den Plänen wird neben den fachlichen, räumlichen und zeitlichen Vorgaben für die Sanierung auch festgelegt, wie die Oberfläche gestaltet und wieder nutzbar gemacht werden soll.
Über die Gestaltung der Braunkohle-Folgelandschaft im Mitteldeutschen Revier kamen wir gleich auf zwei Veranstaltungen im Oktober 2026 ins Gespräch. In einer Kooperationsveranstaltung mit LeipzigGrün gingen wir auf Wanderschaft - zu Fuß ging es von Pegau nach Neukieritzsch. Unsere Wege kreuzten für Freizeit und Erholung ausgebaute Strände an Tagebauseen, führten entlang schnurgerader Wege durch einstige Kippen, durch verschlungene Reste lebendiger Flussauen bis hin zu einem lebendigen Ort, der sich nicht entfalten kann - Pödelwitz. Geführt wurde die Tour von Spaziergangsforscher Bertram Weißhaar. Für ihn ist klar: Kippen und Gruben sollten aufgrund ihrer ganz eigenen Ästhetik mindestens teilweise erhalten bleiben. Er begründet dies mit einer besonderen Faszination, die diese Landschaften auf viele Menschen haben, was er auf seinen Spaziergängen immer wieder erleben würde. Auch hielten sie Erinnerung an die Zeit der Kohleförderung aufrecht.
Gegenrede kam von René Schuster, der wenige Tage nach der Wanderung im Kulturkino Zwenkau mit Weißhaar ins Gespräch kam. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Kohle in der Lausitz. Er kommt aus der Lausitz. In Lacoma lebte er über viele Jahre in einem vom Abriss bedrohten Ort, der heute im Cottbuser Ostsee liegt. Seit mehreren Jahren vertritt er Naturschutzverbände im Braunkohlenausschuss des Landes Brandenburg. Für ihn ist klar: die Kohleunternehmen sollten schnellstmöglich die zerstörte Landschaft und den Wasserhaushalt wieder in Ordnung bringen. Die Aufrecherhaltung von Kippen oder gar Gruben würde nur zukünftige Generationen belasten.
Wer entscheidet eigentlich, wie eine Kohle-Folgelandschaft aussieht?
Laut Bundesberggesetz (BBergG) ist das Kohle abbauende Unternehmen verpflichtet zur "Wiedernutzbarmachung" und damit zu einer "(...) ordnungsgemäßen Gestaltung der vom Bergbau in Anspruch genommenen Oberfläche unter Beachtung des öffentlichen Interesses." (BBergG, §4). Wie wäre denn jetzt eine erhaltene Grube oder Kippe diesbezüglich zu bewerten?
Klar ist: Die Vision, auch noch Folgegenerationen den Blick in bzw. einen Spaziergang durch einen Tagebau zu ermöglichen, könnte bei allem Charme zu erheblichen Problemen führen. Sollte eine Grube erhalten werden, muss auch weiterhin das Wasser abgepumt werden. Sonst würde allmählich das Grundwasser ansteigen und die Grube Stück für Stück mit Wasser füllen. Dann würden die Spaziergänger nicht nur nasse Füße kriegen, sondern auch auf instabilem Boden unterwegs sein. Durch das Wasser gerät das Bodenmaterial in Bewegung, so dass es zu Rutschungen und Absenkungen kommen kann, was nicht ganz ungefährlich für unsere Spaziergänger und weitläufig die angrenzende Region wäre.
Laut Gesetz sind die Bergbau treibenden Unternehmen für die Rekultivierung zuständig, d.h. sie müssen auch die Kosten dafür tragen. Aber was passiert, wenn die Flächen für Spaziergänge genutzt werden sollen? Wie steht es hier um Haftung und wie lange kann das Unternehmen noch zur Rekultivierung herangezogen werden trotz Zwischennutzung? Wer zahlt, wenn es das Unternehmen nicht mehr geben sollte (z.B. aufgrund einer Insolvenz)? Oder müssen dann künftige Generationen die Schäden übernehmen?
An wen oder was wird erinnert?
Eine Landschaft zur Erinnerung an den Kohleabbau würde auch die Frage aufwerfen, an wen oder was erinnert werden soll. Sind es die verlorenen Orte mit all ihren Geschichten? Soll an die Kohle als Energiequelle erinnert werden oder an das Unternehmen und dessen Kumpel, die das Material abgebaut haben? Von Ausstellungen, Museen, über Tafeln bis hin zu Kreuzen für verlorene Orte und Fördertechnik findet diese Erinnerung bereits statt. Der Mehrwert einer Landschaft zur Erinnerung läge bei dem Erhalt weitestgehend wilder Flächen, die Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten bieten könnten. Damit wäre sie aus ökologischer Sicht wertvoll.
Eine Erinnerungslandschaft als Gegenentwurf zu Tagebauseen?
Die Frage, ob es bei der Rekultivierung von Tagebauen ein See sein muss, kann gestellt werden und hat auch ihre absolute Berechtigung. Heute bereits geschaffene Kohle-Folgelandschaften zeigen aufgrund ihrer Ausrichtung auf Vermarktung und die touristische Nutzung von Ufern teils skurrile Gegensätze zwischen den über Jahrhunderte gewachsenen Ortschaften und den am Reißbrett entworfenen Siedlungen wie etwa in Zwenkau. Man hat das Gefühl in zwei komplett unterschiedlichen Welten zu sein. Ein reger Austausch zwischen den "Neuen" und "Alten" findet kaum statt. Das ist auch kein Wunder: Die Preise von Grundstücken am See kann sich im alten Zwenkau kaum jemand leisten. Im gewachsenen Zwenkau drängen sich eher kleine Einfamilienhäuser und Plattenbausiedlungen. Das ist aus gesellschaftlicher Perspektive fatal. Und dann sind da noch die Stabilitäts- und Sicherheits- sowie Kostenfragen, die den touristisch nutzbaren Seenverbund zum Scheitern bringen wie am Störmthaler Kanal zwischen Markkleeberger und Störmthaler See, der seit 2021 geschlossen ist oder die explodierenden Kosten am Harthkanal zwischen Zwenkauer und Cospudener See.
In den allermeisten Fällen ist das Massedefizt durch die entnommene Kohle so groß, dass ein Auffüllen mit Bodenmaterial kaum möglich ist. Die Verkleinerung der Seenflächen wäre aber auf jeden Fall sinnvoll, um die Verdunstung aus den Seen geringer zu halten. Gerade in einer fortschreitenden Klimakrise sollte genau geschaut werden, wie man Wasser sehr sparsam verwenden (das Fluten von Seen und Auffüllen von Porenräumen im Boden benötigt enorme Mengen Wasser) und Verdunstungsverluste aus den Seen minimieren kann. Je geringer die Ausbreitung eines Sees und größer die Tiefe um so besser.
Die Vision, Tagebaue in ihrer Größe auch noch für folgende Generationen erlebbar zu machen, hätten durchaus auch positive Seiten. Neben der einzigartigen Ästhetik solcher Flächen, dem ökologischen Wert von Widnisflächen, wären sie ein wichtiges Bildungsangebot zum Umgang mit Planetaren Grenzen.
Auf den beiden Veranstaltungen im Oktober gab es einen weit verbreiteten Wunsch unter den Teilnehmer*innen, einen anderen Umgang mit den Restlöchern jenseits von Seen zu finden: Ob Wald oder Wildnis, Spaziergangs- oder Erlebnispfad, aber auch zur Bildung und Erinnerung. Die Gesprächsteilnehmer*innen fürchteten, dass die Erinnerungen mit der nachfolgenden Generation und Zuzug verblassen und verschwinden werden. Dies sei auch eine zutiefst demokratische Frage. Daher sollte dieser Wunsch bei der künftigen Gestaltung der Braunkohle-Folgelandschaften dort Gehör finden, wo eine Umsetzung technisch möglich und sicher ist.