40 Jahre nach Tschernobyl: Atomkraft bleibt Bedrohung

Was 1986 geschah

Am 26. April 1986 explodierte Reaktorblock 4 des heute in der Ukraine liegenden Atomkraftwerks Tschernobyl (ukrainisch: Tschornobyl). Durch die Explosion wurden große Mengen radioaktiver Stoffe weit in die Luft geschleudert, teils über einen Kilometer hoch (1). Über Winde gelangten diese auch in weit entfernte Regionen - zuerst über Europa, später über die gesamte Nordhalbkugel. Stäube, Dämpfe und Aerosole aus der Atmosphäre regneten in Deutschland vor allem über Südbayern und dem Bayerischen Wald ab (Tschernobyl-Fallout).

Bis Ende Mai 1986 war die Informationslage weder in der BRD noch in der DDR eindeutig. Widersprüchliche Meldungen über Ausmaß, Reichweite und gesundheitliche Folgen der Katastrophe verunsicherten die Menschen. Die staatliche Informationspolitik der DDR war geprägt von deutlich verzögerten und beschwichtigenden Antworten. Dies verschärfte die Unsicherheit der Menschen im Osten Deutschlands zusätzlich.

Es folgten Sorge, Kritik und politische Forderungen auf beiden Seiten Deutschlands: In der BRD wurde die Anti-Atomkraft-Bewegung, die bereits seit den 1970er-Jahren existierte, durch den Reaktorunfall neu entfacht. Die 1980 in Karlsruhe gegründete Partei der Grünen forderte den Ausstieg aus der Kernenergie. In der DDR organisierten sich Oppositionsgruppen, unterschrieben Petitionen und verbanden Umweltfragen mit Kritik am politischen System.

Explodierter Kraftwerksteil in Tschernobyl. Ansicht von oben.

Reaktor Nr. 4, einige Monate nach der Explosion (Aufnahme der International Atomic Energy Agency (IAEA))

Und heute?

Auch heute werden in Mitteleuropa noch erhöhte Parameter des langlebigen Cäsiums Cs-137 aus Tschernobyl gemessen, das mit einer Halbwertszeit von etwa 30 Jahren mittlerweile etwa zur Hälfte zerfallen ist. Dabei gehört Sachsen zu den gering bis mittelmäßig kontaminierten Gebieten Deutschlands (2).

40 Jahre und eine weitere Reaktorkatastrophe in Fukushima (2011) später ist die Bedrohung durch Atomkraftwerke (AKW) nicht weniger geworden

  • Der Rückbau des havarierten Kraftwerks in Tschernobyl ist bislang ungelöst (3).
  • Dies ist um so bedrohlicher, als dass es immer wieder zum Ziel russischer Angriffe im Ukrainekrieg wird. Seit Februar 2025 ist die Außenhülle durch einen Drohnenangriff beschädigt und konnte nur behelfsmäßig repariert werden. Käme es zum kompletten Einsturz der Schutzhüllen, hätten vier Tonnen Staub, hochradioaktiven Staubs, Brennstoffpellets und enorme Mengen an Radioaktivität einen ungebremsten Weg nach draußen (4). Aber auch die Sabotage von Strom oder Kühlsystemen könnte zu einem erneuten Notfall führen (5).

Viele Sicherheitsfragen sind für die Länder, die auf Atomenergie setzen, bis heute nicht gelöst:

  • Wohin mit dem radioaktiven Restmaterial?
  • Wie die AKW schützen vor Bedrohungen etwa durch Cyberkriminalität, bei Angriffen aus der Luft oder bewusst herbeigeführten Stromausfällen?
  • Wie ist eine Versorgung der AKW mit Kühlwasser zu gewährleisten bei zunehmenden Extremen ausgelöst durch die fortschreitende Klimakrise (z.B. extreme Hitze und Dürre)?

Doch all dem zum Trotz erlebt die Atomkraft eine Renaissance in Europa - vor allem angetrieben durch Frankreich, aber auch in Sachsens Nachbarländern Tschechien und Polen. Und selbst in Deutschland flammt die Diskussion um den Atomaus- bzw. einen -wiedereinstieg immer wieder auf, obgleich klar ist, dass diese Technologie hochriskant, extrem teuer und mit erneuerbaren Energien eine echte Alternative vorhanden ist. Darüber hinaus machen sich europäische Staaten durch die Nutzung von Kernenergie stark von Russland abhängig  - sowohl beim Bau vieler Kraftwerke, als auch bei Uran-Lieferungen. Die Abhängigkeit ist bereits heute so groß, dass die Atomenergie auch nach vielen EU-Sanktionspaketen gegen Russland von den Sanktionen ausgenommen bleibt (6). Dennoch bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) auf einem Atom-Gipfel jüngst (April 2026) Europas Abkehr von der Kernkraft als „strategischen Fehler“ (7). 

Deutschland ist mittlerweile von sieben ausländischen Kernkraftwerken mit einem Abstand von maximal 100 Kilometern umgeben. Insgesamt sind 17 Kraftwerke weniger als 300 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt (8). Je nach Wetterlage könnte Deutschland von Störfällen in diesen AKW unterschiedlich stark betroffen sein.

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