Sachsen war jahrzehntelang ein von Braunkohle geprägtes Land. Diese Ära neigt sich dem Ende zu und eine neue könnte beginnen – die der erneuerbaren Energien. Doch so richtig will die Energiewende nicht in Schwung kommen.
Vor Jahren warb ein großes Energieunternehmen aus NRW für seine Erneuerbare-Energien-Projekte mit einem niedlichen Riesen. Er hüpfte durch die Landschaft und pflanzte Windräder und Solarparks in die Erde. Würde man dieses Bild für Sachsen nehmen, wäre es eher ein behäbiger, mit Kohlestaub verschmierter Riese, der langsam und skeptisch dreinblickend hier und dort mal eine Windkraft- oder Solaranlage in den Boden steckt. Einige würde er aber auch wieder herauspflücken und melancholisch in Richtung Kohlebagger schielen, anstatt begeistert umher zu hüpfen.
Wo hakt es bei dem humpelnden Riesen Sachsen? Fest steht: Die Braunkohleindustrie hat Sachsen Identität und viel Wohlstand gebracht. Fest steht aber auch: Die Braunkohleverbrennung erzeugt massiv Kohlenstoffdioxid (CO₂), was die menschengemachte Klimakrise antreibt. Der deutsche Kohleausstieg ist beschlossen: in Mitteldeutschland bis 2035, in der Lau sitz bis 2038. Fachleute erwarten sogar ein früheres Ende, weil steigende CO₂-Preise Kohle wirtschaftlich unattraktiv machen.
Die Energiewende im Freistaat sollte also in vollem Gang sein, doch deutschlandweit ist Sachsen im Ausbau von Windenergie leider auf dem vorletzten Platz der Flächenländer. Nach Sachsen kommen nur noch das Saarland und die Stadtstaaten. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung liegt in Deutschland bei rund 59 Prozent (2024). Sachsen kommt gerade einmal auf ca. 25 Prozent. Grundlage für die sächsische Energiepolitik ist das 2021 verabschiedete Energie- und Klimaprogramm Sachsen (EKP). Laut diesem soll Sachsen 2040 klimaneutral sein. Bis 2030 ist der Anteil erneuerbarer Energien auf mindestens 45 Prozent zu erhöhen.
In den 1990er Jahren erlebte Windkraft einen Bau boom in Sachsen. Dieser flaute nach ein paar Jahren schnell wieder ab. Im Freistaat sind aktuell 585 Anla gen mit einer Leistung von rund 1.400 Megawatt (MW) in Betrieb (Stand 12/2025). Klingt viel, ist es aber nicht. Seit Jahren rangiert Sachsen auf den untersten Plätzen im bundesweiten Vergleich. Dass die Wende von Kohle hin zu Erneuerbaren schneller gehen kann, zeigt NRW: Das einstige Kohle-Land ist heute führend beim Ausbau von Windkraft.
Für Sachsens Ausbau-Trägheit gibt es viele Gründe. Die Abstandsregelung für Windenergieanlagen von 1.000 Metern zu Wohnbebauung ist einer davon. Zwar können Kommunen seit ein paar Jahren Ausnahmen ermöglichen, doch allein diese Festlegung kann laut Umweltbundesamt bis zu einer Halbierung der möglichen Ausbaufläche führen. Die letzte Bundesregierung hat den Ländern Flächenziele für den Ausbau erneuerbarer Energien vorgegeben. Bis 2032 müssen demnach insgesamt zwei Prozent der Landesfläche für Windenergieanlagen ausgewiesen werden. Sachsen ging hier sogar voraus und wollte dieses Planungsziel bereits bis 2027 erreicht haben. Die neue Minderheitsregierung von CDU und SPD plant nun einen Rückzieher auf das Jahr 2032. Dabei hat Sachsen bislang nur 0,3 Prozent der Landesfläche ausgewiesen, während andere Bundesländer das Ziel bereits erreicht haben.
Jahrelang stockte die Solarenergie in Sachsen. Seit 2023 boomt der Ausbau und dürfte weiter zulegen. Aktuell sind Solaranlagen mit rund 5.200 MW in Betrieb (Juli 2025). Treiber sind vor allem große Freiflächenanlagen wie das Solarfeld Witznitz südlich von Leipzig. Das kann aber nur ein Teil der Lösung sein. Wichtiger sind Anlagen auf versiegelten Flächen wie Parkplätzen und Dächern. Diese oft ungenutzten Energieflächen stehen nicht im Konflikt mit Ackerland und Wäldern und sind aus Naturschutzsicht meist unbedenklich. Sachsen gehört jedoch zu den wenigen Bundesländern ohne Solarpflicht für Neubauten oder Dachsanierungen. Viele Länder haben sie längst in Bauordnungen oder Klimaschutzgesetzen verankert. Hier liegt viel ungenutztes Potenzial mit Mehrwert für die Gesellschaft, meist ohne großen Widerstand.
Beim Thema erneuerbare Energien ist immer wie der die Rede von mangelnder Akzeptanz. Schlagzeilen über Widerstände von Bürger*innen und sogar Politiker*innen gegen Wind- und Solaranlagen sind regelmäßig zu lesen. Sind also alle dagegen?
Umfragen zeigen das Gegenteil. Eine Akzeptanzbefragung in Sachsen im Jahr 2023 ergab, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer*innen gegenüber erneuerbaren Energien positiv eingestellt ist. Eine repräsentative Umfrage der Initiative Klima neutrales Deutschland zeigt die Diskrepanz zwischen tatsächlicher und wahrgenommener Akzeptanz von Windenergie: Die Mehrheit derjenigen, die in direkter Nachbarschaft von Windenergieanlagen leben, befürwortet diese (59 Prozent). Die Hälfte davon schätzt die Stimmung im eigenen Umfeld als ablehnend ein, obwohl die tatsächliche Akzeptanz höher ist.
Das Werben um die stille Mehrheit ist extrem wichtig, um nicht der lauten Gegnerschaft das Feld zu überlassen, die z. B. Stimmungen in Gemeinderäten kippt.
Viel zu oft liegt der öffentliche Fokus auf den Widerständen. Daher müssen sächsische Politiker*innen, Verbände und Medien die Potenziale und Chancen der Energiewende fortwährend erklären und bewerben. Für Akzeptanz brauchen wir eine dezentrale, naturverträgliche Energiewende, die von vielen Schultern getragen wird. Des Weiteren bedarf es klarer Naturschutzvorgaben und Planungssicherheit statt eines Zick-Zack-Kurses, wie ihn die aktuelle Minderheitsregierung fährt. Außerdem müssen Forschung, Beratung und Projekte ausreichend finanziert werden. Auch Kommunen sollten rechtzeitig mit der Planung loslegen, um Handlungsspielräume nicht zu verlieren und Bürger*innen einzubeziehen. Dank des Erneuerbaren-Energien-Ertragsbeteiligungsgesetzes in Sachsen können sie von jeder vor Ort produzierten Kilowattstunde bis zu 0,3 Cent profitieren und diese Gelder z. B. in kommunale Kitas, Freibäder oder Sportvereine investieren. Und zuletzt: Jede*r von uns kann anpacken: Sich ein Balkonkraftwerk installieren, Mitglied einer Energiegenossenschaft werden, laut werden im Gemeinderat für die Energiewende vor Ort oder vieles mehr. Dann steigt die Zustimmung und die Freude am sauberen Strom – auch beim Energieriesen Sachsen.