Zwei Frauen, die als Jugendliche im Jugendwerkhof Crimmitschau eingewiesen waren, kehren in die sächsische Kleinstadt zurück. Bis heute prägt sie das dort Erlebte. Was ist noch übrig von den Erinnerungen, aber auch von den Orten des Geschehens? Eine Spurensuche.
Die roten Backstein-Industriebauten der alten Tuchfabrik im sächsischen Crimmitschau schmiegen sich an einen bewaldeten Hügel. Ein kleiner Bach plätschert zwischen bunt bepflanzten Blumenkübeln hindurch über das Gelände. Eine malerische Post-Industrie-Idylle. In einem großen Backsteingebäude ist das Textilmuseum untergebracht, in dem noch die originalen Maschinen stehen. Hinein führt eine schwere Tür. Die stoßen Barbara und Sandra auf. “Der Geruch!“, ruft Barbara, „genau wie damals“.
Barbara und Sandra waren als Jugendliche im Jugendwerkhof Crimmitschau eingewiesen. Barbara Mitte der 1970er-Jahre, Sandra über zehn Jahre später, kurz vor dem Ende der DDR. Im Jugendwerkhof erfuhren sie Disziplinierung und Gewalt, militärischen Drill und Demütigungen. Sie waren gezwungen, in der Textilindustrie oder der Hauswirtschaft zu arbeiten. Nach über 40 Jahren kehren sie zurück, auf der Suche nach Antworten, nach Abschluss. Aus Neugier, die alten Türen nochmal zu öffnen. „Crimmitschau liegt mir noch im Magen. Bevor ich sterbe, will ich einmal dahin zurück“, sagt Barbara, die in Berlin lebt, vor der Reise.
Jugendwerkhöfe dienten in der DDR dazu, Jugendliche, die nicht ins System passten, zu sozialistischen Persönlichkeiten im Sinne der Staatsführung umzuerziehen. Um die 135.000 Kinder und Jugendliche durchliefen das Spezialheimsystem, zu dem Durchgangsheime, 38 Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe zählten. In letzteren sollten die als schwer erziehbar gebrandmarkten Jugendlichen mithilfe von ideologischem Unterricht, insbesondere aber Arbeit, in die Gesellschaft integriert, oder eher: gebrochen werden. In der Realität hieß das: militärischer Drill, Zwangsarbeit und Gewalt durch Erziehende und Mitinsassinnen und ein Strafenkatalog der von sinnlosem Putzen zu Dunkelarrest reichte.
Der Weg in den Jugendwerkhof: Oft schon Gewalt in der Familie
Die Gründe für eine Einweisung waren oft willkürlich. Manche hatten politisch aktive Eltern, andere Probleme in der Schule. In der ideologisch gepanzerten Sprache der Akten hieß es dann: Arbeits- und Schulbummelei, Asozialität oder Herumtreiberei. Mädchen wurden im Gegensatz zu Jungen häufig wegen vermeintlichen sexuellen Fehlverhaltens eingewiesen. Dafür stand insbesondere das Kürzel “hwG” - häufig wechselnde Geschlechtspartner oder die Zuschreibung der Triebhaftigkeit und sexuellen Haltlosigkeit. So zitiert die Journalistin Elisabeth Brüning 1968 einen Leiter des Jugendwerkhof Crimmitschau: “Die Folgen allzu früher sexueller Erlebnisse sind meist starke Triebhaftigkeit, Herumtreiberei und damit verbunden Arbeitsbummelei oder versäumte Schulpflicht. Letzten Endes landen diese Mädchen dann bei uns.”
Sandra etwa fühlte sich seit ihrer Jugend zu rebellischer Musik und Rausch hingezogen. Sie entzog sich den Normen des geregelten Lebens, der teils gewaltvollen Erziehung der Eltern, ging immer seltener zu ihrer Ausbildung. Dafür erfuhr sie Abwertung und es folgten Disziplinierungsmaßnahmen. In dem Beschluss zur Heimerziehung urteilt die DDR-Jugendhilfe: “Bei der Jugendlichen kam es nicht zur Herausbildung fester Freizeitinteressen, sodass sie ihre freien Stunden durch Herumstromern oder in Gaststätten verbringt”.
So unterschiedlich die offiziellen Einweisungsgründe auch waren, eines haben viele der Jugendlichen gemeinsam: schon in der Familie erlebten sie Gewalt und Missbrauch und mussten alleine, ohne Unterstützung oder institutionelle Hilfsangebote damit fertig werden. Auch Barbara war vor der Gewalt durch Mutter und Stiefvater geflohen und hatte bereits ein Jahr auf der Straße gelebt, als die Jugendhilfe sie in Berlin aufgriff. Barbara wurde in mehrere Einrichtungen des DDR-Heimsystems zwangseingewiesen, bis sie schließlich in den Jugendwerkhof Crimmitschau gebracht wurde.
Zwangsarbeit in der Tuchfabrik
Heute aus freien Stücken zurück in Crimmitschau, erklimmen Barbara und Sandra in der Tuchfabrik die Stufen der Betontreppe, die im Viereck um einen Lastenaufzug herum in die oberen Stockwerke führt. Auf der Fabriketage sind es es wieder die Gerüche, die Barbara nach Luft schnappen lassen. Es riecht nach Öl, Metall und altem Gemäuer. Die riesigen Spinnmaschinen stehen noch so da, wie sie nach der letzten Schicht hinterlassen wurden.
“An genau so einer Maschine habe ich gearbeitet”, erinnert sich Sandra. “Die Spulen abstöpseln. Oben wieder neuen Garn drauf. Und wenn unten ein Band gerissen ist, das wieder nähen.” Ohne Sicherheitsvorkehrungen oder Arbeitsschutz arbeiteten die Mädchen mit teils ätzenden Flüssigkeiten. Ein paar Mark gab es pro Schicht, die abzüglich der Heimkosten auf einem Heimkonto gutgeschrieben wurden, ein Teil davon wurde jeden Monat als Taschengeld ausbezahlt. Sandras Eltern mussten für die Heimunterbringung zusätzlich noch zahlen. Trotz der Schufterei kamen die Jugendlichen in der Zwirnerei in Kontakt, konnten sich unterhalten, auch mit Kolleginnen, die nicht im Heim waren. “Arbeit hieß: raus aus der Zucht und Drangsalierung des Jugendwerkhofs”, erinnert sich Sandra.
Flucht vor Drill und Drangsalierung
Beim Anblick des Hügels hinter der Tuchfabrik Crimmitschau muss Sandra an einen ihrer Fluchtversuche denken. “Einmal war die Aufseherin nicht da, dann bin ich raus aus dem großen Tor. Ich bin einen Hügel hinauf gerannt und gerannt, bis ich ein Waldstück gesehen habe. Dort habe ich mich in einer alten öffentlichen Toilette versteckt.” An welchem Crimmitschauer Hügel genau sie sich versteckte, kann Sandra heute nicht mehr erkennen. Erinnerungen verschwimmen und auch die Stadt hat sich verändert. Mehrmals gelangte sie auf der Flucht bis in ihre Heimatstadt Stendal, in der sie heute wieder lebt. Doch auch dort wurde sie aufgegriffen und wieder in den Jugendwerkhof gebracht.
“Abzuhauen, das habe ich mich nie getraut”, sagt Barbara. “Mir wurde ständig mit Torgau gedroht.” Der geschlossene Jugendwerkhof Torgau, wo extreme physische und psychische Gewalt an der Tagesordnung waren, hing wie eine dunkle Wolke über den Jugendlichen. Wer sich nicht an Regeln hielt, konnte zur Strafe dorthin gebracht werden.
Beim Spaziergang von der Tuchfabrik im Süden Crimmitschaus zum ehemaligen Jugendwerkhof im Norden der Kleinstadt, kommen Barbara und Sandra an bunt gestrichenen Häusern und dem renovierten Stadtkern vorbei. Damals erschien ihnen die Stadt dunkel, die Häuser grau und heruntergekommen. Aus den Fabrikschloten stieg schwarzer Rauch, der sich überall niederließ. Doch von den Fabrikschloten, die Crimmitschau einst seinen Beinamen der “Stadt der 100 Schornsteine” bescherten, ist heute nicht mehr viel zu sehen. Damals hätten die Menschen zumindest Arbeit gehabt, sagt Barbara. Jetzt werde alles abgebaut und vernichtet. Und outgesourct, fügt Sandra hinzu.
Rückkehr in den Jugendwerkhof
Das Gebäude des ehemaligen Jugendwerkhofs ist heute ein unscheinbares blassgelbes, mehrstöckiges Haus neben einem Logistikzentrum, ständig fahren riesige LKWs vorbei. Auch heute nutzt ein Träger der Jugendhilfe das Gebäude. Ehemalige Erzieher des Jugendwerkhofs haben hier nach dem Systemwechsel einen neuen Verein aufgebaut. Der Speisesaal im Erdgeschoss, heute eine Kantine, hat immer noch denselben Aufbau wie zu DDR-Zeiten: Rechts die Essensausgabe, an der linken Wand eine kliene Bühne. An einem der hellen Holztische nehmen die beiden Frauen Platz.
Barbaras Arbeitsplatz im Jugendwerkhof war die Heimküche. “Das Abwaschen! 200 Teller, 200 Gabeln, 200 Löffel, 200 Tassen und alles abtrocknen”, erinnert sich die 67-Jährige. Als sie sich weigerte, musste sie zur Strafe “auf Zelle”, also in Dunkelarrest. Das Essen brachten die Mädchen auch in die Textilfabrik. “Einmal war ich beim Transport dabei,” erinnert sich Barbara. “Wir durften keinen Kontakt zu den Mädchen aufnehmen und auch nicht mit dem Fahrer sprechen. Essen auspacken, warten, wieder einpacken und zurück.” Neben der zugewiesenen Arbeit waren die Insassinnen ständig weiterem Arbeitsdrill unterworfen: permanentes Putzen, Zusatzarbeit im Altenheim der Stadt, Wochenenddienste in der Küche, sowie Arbeit als Strafmaßnahme kamen hinzu.
Obwohl Arbeit im Jugendwerkhof vorgeblich zur Integration in die Gesellschaft dienen sollte, konnten Sandra und Barbara im Jugendwerkhof keinen richtigen Berufsabschluss machen, was sich auf ihr ganzes weiteres Arbeitsleben auswirkte. Auch das Stigma, Heimkind gewesen zu sein, war ein Makel im Lebenslauf und haftete den jungen Frauen auf der nächsten Arbeitsstelle noch an, wenn ihnen nicht sogar wie in Barbaras Fall die erste Arbeitsstelle nach dem Jugendwerkhof zwangszugewiesen wurde. Barbaras Weg führte sie 1979 nach West-Berlin, wo sie bis zur Rente bei der Post arbeitete. Sandra wechselte nach Systemwechsel und Wiedervereinigung oft die Arbeitsstelle und war bei der Post, in der Altenpflege, als Reinigungskraft und in der Gastronomie tätig.
Kollektivstrafen und Isolation
Woran sich die beiden Frauen im Speisesaal noch erinnern, ist die Konkurrenz, ja sogar Feindschaft, die zwischen den in Gruppen eingeteilten Mädchen teilweise herrschte. Denn trotz der allgegenwärtigen Betonung des “Kollektivs” wurden die Mädchen isoliert und jede Solidarität zwischen ihnen untergraben. Sie wurden von der Heimleitung dazu angehalten, sich gegenseitig zu kontrollieren und zu überwachen. Sandra erinnert sich, wie ein Mädchen, dass es nicht schaffte, die rigide Schrankordnung einzuhalten, von den anderen mit Seifenstücken verprügelt wurde. Denn: Brach ein Mädchen die Regeln, wurde die ganze Gruppe bestraft. “Wir waren keine Menschen, wir waren Nummern”, sagt Barbara heute. “Nummer 68”, fügt Sandra hinzu, “das war ich”. In jedes Kleidungsstück mussten die Mädchen ihre Nummer einnähen.
Doch die Mädchen schafften es auch in der Enge, sich Freiräume zu schaffen. “Einmal durften wir uns vor der Silvesterfeier aus Stoffresten der Fabrik selbst Blusen nähen”, erzählt Sandra. Und auch Barbara erinnert sich, dass die Mädchen aus der Fabrik manchmal Stoffreste mitbrachten und sie sich im Jugendwerkhof gemeinsam Hosen nähten: “Wir hatten die besten Hosen deutschlandweit, die gab es nirgends zu kaufen.”
“Alle haben eine Macke”
Trotz dieser kleinen Momente der Leichtigkeit überwiegt dennoch das Schwere, wenn die beiden Frauen an ihre Zeit in Crimmitschau zurückdenken. Wie die meisten ehemaligen Heimkinder haben sie mit Traumafolgen zu kämpfen. “Alle von damals haben eine Macke”, sagt Barbara. “Bei mir sind es die Gerüche und die dunklen Zimmer. Ich kann nicht bei geschlossenen Türen schlafen und wenn ich aufwache, muss ich sehen, wo ich bin.” Um schlafen zu können, nimmt Barbara Tabletten ein. Jahrzehnte lang arbeitete sie hart und zog ihre Kinder groß. Immer musste sie funktionieren. Die physischen Folgen machen sich in der Rente bemerkbar. Zahlreiche Arztbesuche und Reha-Aufenthalte gehören zu ihrem Alltag.
Bei Sandra ist es vor allem die Alkoholsucht, die ihr von der Heimzeit geblieben ist und die sie mit Therapien und Entzug in den Griff zu bekommen versucht. Bei ihren Töchtern war ihr ein antiautoritärer Erziehungsansatz wichtig, um auf keinen Fall die Strenge und Härte, die sie selbst erleben musste, weiterzugeben. Als sich nach der Besichtigung des ehemaligen Jugendwerkhofs die Tür hinter den beiden schließt, ist Sandra erschöpft, Barbara aufgekratzt. Für beide geht es zurück in das Leben, das sie sich aufgebaut haben.