Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Kopfkino Abtreibung“ von Franzis Kabisch, das Anfang 2027 im Mandelbaum Verlag erscheinen wird. Sie untersucht darin die Darstellung von Abtreibung in deutschen und österreichischen Filmen und Serien – von Daily Soaps über Medizinserien bis hin zu Krimis und Berlinale-Erfolgen. Für den Zeitraum von 1990 bis 2020 hat sie rund 500 Abtreibungsgeschichten in Filmarchiven, Online-Datenbanken und Fanforen ausfindig machen können und die darin inszenierten Bilder und Narrative genauer unter die Lupe genommen.
Kurz vor Ladenschluss rennt die 15-jährige Iffi zur Apotheke. Außer Atem fragt sie nach dem Ergebnis ihres Schwangerschaftstests, für den sie am Nachmittag eine Urinprobe abgegeben hat. Die Apothekerin lächelt, als sie Iffi sieht, und verkündet freudig das Ergebnis: „Der Test ist positiv ausgefallen.“ Iffi freut sich und strahlt über beide Ohren: „Positiv? Heißt das, ich bin nicht schwanger?“ Sie schaut die Apothekerin mit großen Augen an, aber die Frage bleibt unbeantwortet. Die Nahaufnahme ihres erwartungsvollen Gesichts wird zum Cliffhanger, die Folge ist zu Ende. Was ein positiver Test wirklich bedeutet, weiß das Publikum natürlich. Und Iffi weiß es bald auch. Sie ist schwanger. Die jugendliche Naivität, die ihr hier noch zugestanden wird, wird im Laufe der nächsten Folgen immer weniger spürbar. Beim Versuch, eine Entscheidung über ihre ungeplante Schwangerschaft zu treffen, wird sie schnell erwachsen. Sie kommt zum ersten Mal mit dem Thema Abtreibung in Kontakt und wird dies im Laufe der Jahre noch zwei weitere Male tun.
Über drei Jahrzehnte war Iphigenie „Iffi“ Zenker als zentrale Figur in der deutschen Weekly Soap Lindenstraße vertreten und wuchs so im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vom Kind zur Großmutter. Ihre Rolle prägte, so wie die gesamte Lindenstraße, mehrere Generationen vor dem Bildschirm, war die Serie mit ihrer Laufzeit von 1985 bis 2020 doch für viele Jahre die am längsten ausgestrahlte Soap in Deutschland. Um eine Nähe zur Realität des Publikums herzustellen, wurden im Kosmos der Lindenstraße immer wieder aktuelle politische Themen aufgegriffen. Die Figuren setzten sich mit der HIV-Pandemie, der Klimakrise, dem Thema Migration oder eben Schwangerschaftsabbruch auseinander und lieferten den Zuschauer*innen so Einstiege in öffentliche Debatten. Gerade als „Familiengeschichte“, wie der Film- und Fernsehwissenschaftler Knut Hickethier die Lindenstraße genretypisch einordnet (2010, 42), bot sie einen geschützten Raum für die Auseinandersetzung mit politischen Themen. Die Figuren demonstrierten bewusst konträre Haltungen, um das Publikum eigene Meinungen austesten zu lassen. So zeigte die Serie „die Innenseite, das Private und wirkt von hier aus nach außen.“ (ebd.) Aber bei ihrem Versuch, unterschiedliche Positionen zu beleuchten und die deutsche Gesellschaft in ihrem Figurenensemble repräsentativ abzubilden, wurden nicht alle Lebensrealitäten und Haltungen gleich gewichtet. Beim Thema Abtreibung zeigt sich, dass die Serie nicht einfach nur „Spiegel der Gesellschaft“ (ebd., 41) ist, sondern auch einen stark normierenden Charakter hat und familistischen Werten Vorschub leistet. Hier ist der Blick auf Iffi besonders interessant. Jede Abtreibungsgeschichte orientiert sie, die Figuren in ihrem Umfeld und die Zuschauer*innen stärker in Richtung Mutterschaft, unabhängig davon, ob Iffi abtreibt oder nicht. Sie wird durch das Thema Abtreibung zur Mutter. Wie sieht das genau aus? Wie nutzen Film und Fernsehen Geschichten über Abtreibung, um die Diskursfigur der Mutter zu verfestigen?
Anfangen im Jahr 1993 bei Iffis erster Abtreibungsgeschichte (Lindenstraße, DE 1993). Nachdem sie realisiert, dass sie schwanger ist, geht sie die Sache direkt an. Selbstständig, wie sie ist, sucht sie eine Beratungsstelle auf und informiert sich dort über die nächsten Schritte. Entschieden hat sie sich schon: „Ich will nur wissen, was ich jetzt tun muss, wenn ich’s… wegmachen lasse.“ Die Beraterin ist ihr zugewandt. Sie klärt Iffi auf, was sich durch die Gesetzesreform nach der Wiedervereinigung geändert hat und zählt mit einer Prise Kritik das erforderliche Prozedere auf: Beratungsschein, drei Tage Bedenkzeit und, da Iffi noch minderjährig ist, die Einverständniserklärung der Eltern (1). Iffi wird nervös. Eigentlich wollte sie ihren Vater, der in Spanien arbeitet, gar nicht involvieren. Ihre Stiefmutter, bei der sie lebt, noch weniger. Aber kurze Zeit später wird ihre ungeplante Schwangerschaft ausgiebig von allen Familienmitgliedern diskutiert. Iffi redet mit ihrem Freund Momo, Momo mit seinem Vater, Momos Vater mit Momos Mutter, Iffis Vater mit seiner Frau und schließlich alle vier Erwachsene ohne das jugendliche Paar in einer Krisensitzung. Die Eltern vertreten unterschiedliche Positionen. Momos Mutter Eva-Maria, die selbst als Ärztin arbeitet, befürwortet eine Abtreibung und wendet sich direkt dem Pragmatischen zu: „Um einen Klinikplatz für den Abbruch könnte ich mich kümmern. Und das Geld legen wir zusammen.“ Auch Iffis Vater ist der Meinung, dass es „Quark“ wäre, wenn Iffi das Kind kriegen würde und will sich mit ihr um alle Formalitäten kümmern. Iffis Stiefmutter Gabi hingegen kritisiert die sachliche Herangehensweise der anderen: „Die Iffi kriegt ein Kind, ein lebendiges Wesen, das fühlen kann, Schmerzen empfinden, Angst.“ Sie ist aufgebracht, wird laut und stellt eine Abtreibung als etwas psychisch Belastendes dar: „Das hinterlässt doch Spuren fürs ganze Leben.“ Aber trotz der unterschiedlichen Positionen sind sich alle einig, dass ein Abbruch das Beste ist – für Iffi und, wie Momos Mutter hinzufügt, „für alle Beteiligten!“
Iffi fühlt sich übergangen. Sie ärgert sich nicht nur über Momo, der seinem Vater von ihrem Abbruchswunsch erzählt hat, sondern auch über die Erwachsenen, die die Entscheidung und die Formalitäten des Abbruchs über ihren Kopf hinweg besprochen haben. Obwohl sie und Momo zum späteren Zeitpunkt zur Krisensitzung hinzukommen, wird sie nicht gehört, wie sie sich später bei Gabi beschwert: „Ihr hattet ja schon alles geplant und organisiert. In welches Krankenhaus ich komme, wer mit mir zur Beratung kommt. Ich bin überhaupt nicht zu Wort gekommen. Hat mich einer von euch gefragt, was ich überhaupt will?“ Gabi erwidert verdutzt: „Ja, entschuldige mal, du hast die Abtreibung doch beschlossen. Ich hab’ geglaubt, das wäre alles klar für dich.“ Iffi legt nach: „Ist es ja auch. Aber wie ihr das alle macht, als wäre ich überhaupt nicht vorhanden. Ich find das ekelhaft.“ Was genau in diesem zweiten Teil der Krisensitzung passiert ist, lässt sich nicht sagen, da er nicht inszeniert wurde. Aber so oder so ist Iffis Frust überraschend. Sie fühlt sich übergangen, obwohl die Erwachsenen mit ihrer Entscheidung zum Abbruch übereinstimmen. Ihr Ausschluss aus der Diskussion hinterlässt eine so große Verletzung, dass sie in der nächsten Folge gegen die Eltern aufbegehrt und sich doch für die Fortsetzung der Schwangerschaft entscheidet. Als Momo sich über den plötzlichen Sinneswandel wundert: „Warum ist auf einmal alles ganz anders? Wir haben uns doch entschieden oder nicht?“, macht Iffi ihrem Ärger Luft, dass über sie hinweg gesprochen wurde: „Wir? Die haben für uns entschieden, wir doch nicht.“
Die unerwartete Umentscheidung Iffis wird nicht mit einem inneren Kinderwunsch oder durch plötzlich aufkommende Muttergefühle erklärt, sondern als Schritt der Selbstermächtigung dargestellt. Obwohl sie ihren Abbruchswunsch in der Beratung recht überzeugend dargelegt hat („Ich bin erst 15, ich kann doch noch kein Kind kriegen.“) und danach auch einen eigenen Versuch unternommen hat (Momo und sie rasen auf einem Motorrad einen Berg hinunter, in der Hoffnung, dass die Schwangerschaft abgeht), nimmt sie ihre Entscheidung zurück, um sich gegen das infantilisierende Verhalten der Erwachsenen zu wehren. Ihre einzige Möglichkeit, die Kind-Rolle zu verlassen, in der über ihren Kopf hinweg verhandelt wird, ist es, die Mutter-Rolle anzunehmen. Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben. In dieser sehr überraschenden Wendung wird Mutterschaft mit Selbstbestimmung gleichgesetzt, obwohl sie viel eher mit einem Verlust von Selbstbestimmung einhergeht, wie Iffi einräumt: „Ich muss ja auch nicht studieren.“
Mit ihrer Doch-Nicht-Abtreibung versucht Iffi, für sich einzustehen und gegen die Fremdbestimmung der Älteren zu kämpfen. Sie wehrt sich auch gegen gesellschaftliche Vorurteile: „Ist mir egal, was die Leute reden, sind doch alles Spießer und angepasst.“ Nicht nur in ihren Meinungen, sondern auch in ihrem Aussehen wird sie als selbstbewusst und rebellisch dargestellt. Sie trägt Kleidung, die einer linken, alternativen Ästhetik entsprechen, mit Löchern in der Hose und langen, bunten Ketten. Ihre Entscheidung zur Mutterschaft im jungen Alter von 15 wird zum Protest gegen die gesellschaftliche Norm, obwohl ihr Verhalten selbst zunehmend normativ wird und traditionelle Vorstellungen von Mutterschaft bestätigt. Nicht nur 1993, sondern auch bei ihren späteren Abtreibungsgeschichten wendet sich Iffi voll und ganz der Mutterrolle zu und entspricht damit einer Darstellungsweise, die die meisten Abtreibungsgeschichten durchzieht: Mutterschaft ist eine selbstbestimmte Entscheidung und frei von gesellschaftlichem Zwang. In einem Kontext, der Entscheidungsfreiheit suggeriert, ist sie die „richtige“ Entscheidung.
Das mütterliche Opfer
Die feministische Philosophin Élisabeth Badinter hat schon vor mehreren Jahrzehnten gezeigt, dass Mutterliebe nicht selbstverständlich, sondern ein historisch eher junges Konzept ist. Auch neuere Forschungen beweisen, dass es so etwas wie einen natürlichen Mutterinstinkt nicht gibt (vgl. Badinter 1981; Rösler/Höllrigl Tschaikner 2023; Neubert 2025). In den Abtreibungsgeschichten sind mütterliches Glück und die Idee einer weiblichen Bestimmung als Mutter jedoch so lebendig wie nie. Bis auf wenige Darstellungen, in denen eine karriereversessene Mutter ihre Tochter zum Abbruch drängt, wird Mutterschaft ausschließlich positiv gerahmt. So werden Schwangerschaften in der ärztlichen Praxis beglückwünscht, die anderen Figuren prognostizieren, dass sie das Kind lieben wird, „wenn es erst einmal da ist“ (Lindenstraße, DE 2009), die Schwangeren treffen immer wieder auf süße Babys und, nicht verwunderlich, auch die Umentscheidungen werden oft mit der Einstellung einer freudestrahlenden Mutter abgerundet – selbst wenn sie tot ist. In einem besonders absurden Beispiel wird die Schwangere von einem Auto angefahren, fällt für mehrere Monate ins Koma und stirbt, nachdem das Kind schließlich geboren wird. In der letzten Szene zeigt der Vater dem Baby ein Foto der lächelnden Frau und schreibt auch ihr, obwohl tot, eine Bestimmung als Mutter zu: „Auch wenn sie da oben ist, schaut sie immer auf dich runter und wacht über dich.“ (Schicksale, DE 2016)
Neben all diesen Darstellungen werden die schwangeren Figuren und damit auch die Zuschauer*innen aber vor allem durch ein Narrativ immer wieder in Richtung Mutterschaft orientiert: das mütterliche Opfer. Das Narrativ des mütterlichen Opfers zeigt Figuren, die sich selbst aufopfern und ihre Bedürfnisse, manchmal sogar ihre Gesundheit oder ihr Leben für ihre Kinder in den Hintergrund stellen. Besonders in Medizinserien wird diese Selbstlosigkeit oft auf den Prüfstand gestellt. Die schwangere Figur erhält plötzlich eine Diagnose, die eine sofortige Behandlung benötigt. Sie hat einen Herzfehler, ein Aneurysma, Krebs im fortgeschrittenen Stadium oder epileptische Anfälle. Da die Behandlung aber auch die Schwangerschaft gefährden würde, findet sich die Figur in einem besonders verschärften Entscheidungskonflikt wieder: Entscheidet sie sich für die Behandlung und damit möglicherweise gegen das Leben des Kinds? Oder entscheidet sie sich dagegen und riskiert damit ihr eigenes Leben? Die Antwort ist schnell gefunden: In den meisten Fällen riskiert die Schwangere ihre eigene Gesundheit und priorisiert das Kind. Sterben muss sie dann aber trotzdem nicht, denn eine unerwartete, glückliche Wendung verschont sie vor den Folgen ihrer Entscheidung. Der Tumor kann erfolgreich wegoperiert. Einer Ärztin fällt ein noch nicht zugelassenes Medikament aus einer Studie ein. Oder plötzlich einsetzende Wehen machen es nötig, das Baby frühzeitig zu holen, dadurch aber auch möglich, die lebensrettende OP bei der Schwangeren durchzuführen (u.a. Für alle Fälle Stefanie, DE 2002; Der Landarzt, DE 2011; Sibel & Max, DE 2016; In aller Freundschaft, DE 2020; ebd., DE 2024). Nur selten stirbt die schwangere Figur tatsächlich an den Folgen ihrer Krankheit oder entscheidet sich für die Behandlung und damit einen Abbruch (u.a. Die Sternbergs, DE 1999; Dr. Stefan Frank, DE 1997; Elementarteilchen, DE 2005).
Die Leben-versus-Leben-Geschichten entsprechen nicht den klassischen Abtreibungsgeschichten, in denen eine Figur ungewollt schwanger ist und sich kein Kind wünscht. Viele der Figuren betonen sogar, dass sie unbedingt Mutter werden wollen. Eine Entscheidung für die Fortsetzung der Schwangerschaft liegt also nahe. Besonders aufgeladen werden diese Entscheidungskonflikte jedoch durch die Unvereinbarkeit von Schwangerschaft und eigener Gesundheit. In der radikalen Frage, welches Leben priorisiert werden soll, entscheidet die schwangere Figur fast immer zugunsten des Fötus und ordnet sich selbst unter. Manchmal ist sie sogar die Einzige, die für seinen Schutz argumentiert, während der Partner an ihre Gesundheit oder sogar ihr Überleben appelliert. Diese Geschichten normalisieren nicht nur einen Abtreibungsdiskurs, der das Leben von Fötus und Schwangeren auf eine Stufe stellt. Durch die freiwillige Selbstaufopferung der schwangeren Figuren bestärken sie auch eine Position, die den Fötus als schützenswerter ansieht und Schwangere unterordnet. Hier wird einer äußerst konservativen und misogynen Perspektive Raum gegeben, die durch das Narrativ des mütterlichen Opfers verharmlost wird. Zur Debatte steht nicht das In-Einklang-Bringen von eigenen Bedürfnissen und denen des Kinds, was zu jeder Elternschaft dazu gehört, sondern die automatische Unterordnung eigener Interessen als Mutter bis hin zum eigenen Leben: „Wenn Gott es so gewollt hat, dann sterben mein Kind und ich zusammen.“ (Dr. Stefan Frank, DE 1997) Laura S. Witherington bezeichnet Darstellungen dieser Art treffenderweise als „martyred motherhood“ und rückt sie ins Verhältnis: „Heroic sacrifice replaces ordinary health decision-making.“ (2023, 120)
In den meisten Abtreibungsgeschichten wird das Handeln der Frau, die das Leben ihres Kindes über ihr eigenes stellt (selbst wenn es sich noch um einen Embryo oder Fötus handelt, der ohne den Körper der Schwangeren gar nicht überleben könnte), als nachvollziehbar dargestellt oder sogar positiv bewertet. Die schwangeren Figuren drücken Vorfreude, Fürsorge und Selbstlosigkeit aus, Eigenschaften, die Müttern zugeschrieben werden und einen Schwangerschaftsabbruch undenkbar machen. Paradoxerweise ist die Orientierung zum Mütterlichen aber selbst dann dominant, wenn die Figuren abtreiben. Gerade wenn sie sich für einen Abbruch entscheiden, werden ihre mütterlichen Eigenschaften besonders in den Vordergrund gerückt oder genutzt, um ihr Handeln zu entschuldigen. Ähnlich der Frau in Not, die nur aufgrund äußerer Umstände zum Abbruch gezwungen wird, wird die Schwangere – hier als Mutter in Not – durch ihre mütterliche Verantwortung dazu genötigt, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Dies wird besonders in Iffis zweiter Abtreibungsgeschichte deutlich, in der sie „für ihre Kinder“ abtreibt (Lindenstraße, DE 2008).
15 Jahre nach ihrer ersten Schwangerschaft und der Geburt ihres Sohns Nico hat Iffi ein bewegtes Leben hinter sich. Sie hat ihr Abitur nachgeholt, verschiedene Jobs gemacht, mehrere Auslandsaufenthalte unternommen und ein Biologiestudium abgeschlossen. Nach diversen Affären, Beziehungen und einer geschiedenen Ehe ist sie nun Single und zweifache Mutter. Neben dem 15-jährigen Nico ist auch die 3-jährige Antonia das gemeinsame Kind von ihr und Momo, obwohl die beiden längst nicht mehr zusammen sind. Als Iffi wieder schwanger wird, ist sie nicht besonders erfreut. Im Gegenteil: die Schwangerschaft passt überhaupt nicht in ihre Lebensplanung. Eigentlich wollte sie gerade eine neue Stelle antreten, die nach ihrer turbulenten Vergangenheit endlich etwas Stabilität gebracht hätte: „Ich muss die ganze Zeit an diesen Job im Institut denken. Du weißt gar nicht, was das für mich bedeutet. Nicht nur aus Selbstverwirklichung, aber vor allem wegen der Kinder. Das wäre unsere Chance auf ein einigermaßen geregeltes Leben“, erzählt sie ihrer Mitbewohnerin Tanja. Noch dazu ist die Schwangerschaft das Resultat einer flüchtigen Begegnung mit einem Kollegen, der jetzt schon gar nicht mehr im Bilde ist. Iffi denkt wieder über eine Abtreibung nach und gerät immer mehr in einen Entscheidungskonflikt. Sie würde sich über ein drittes Kind freuen („Ich liebe Kinder über alles“), ist aber mit der Erziehung von Nico und Antonia vollkommen ausgelastet. Als Tanja sie fragt, ob sie die Schwangerschaft wegen ihres neuen Jobs abbrechen will, verneint Iffi und bringt stattdessen ihre Verantwortung als Mutter ins Spiel: „Ach, Quatsch. Aber ich muss doch auch an Nico und Antonia denken. Die beiden haben’s doch verdient, dass ihre Mutter mal nicht im Chaos und von der Hand in den Mund lebt.“ Iffi argumentiert stets ohne Verweis auf eigene Interessen und stellt immer ihre Selbstlosigkeit in den Vordergrund. Auch der neue Job dient nicht ihrer Karriere oder ihrer Weiterentwicklung, sondern vor allem der Familie. Sie ist voll und ganz Mutter – selbst in ihrem Wunsch abzutreiben.
Verstärkt wird der Konflikt auch durch ihre Stiefmutter Gabi, die Abtreibungen immer noch ablehnt, vielleicht sogar radikaler in ihren Ansichten geworden ist. Während sie 1993 noch eine liberale Haltung vertreten hat und Iffi in ihrem Abbruch unterstützt hätte, weicht sie 2008 kein Stück von ihrer konservativen Position: „Kein Argument, keines kann mich überzeugen, dass eine Abtreibung richtig ist.“ In mehreren Konfrontationen will sie Iffi von ihrem Abbruchswunsch abbringen und mahnt: „Du packst es nicht, du zerbrichst daran. Schau mich an, na komm. Abtreibung ist Mord. Willst du als Mutter ein Kind umbringen?“ Gabis Worte bekommen in dieser Abtreibungsgeschichte viel Gewicht. Sie dominiert die Gesprächsführung, wird laut und fordert Iffi mit abtreibungsfeindlichen Argumenten heraus, wie dem angeblichen Widerspruch von Mutterschaft und Abtreibung. Iffi versucht, sich zu verteidigen und wiederholt auch nach ihrem Abbruch nochmal das Argument, dass der Schwangerschaftsabbruch im Interesse ihrer Kinder geschehen ist: „Ich musste diese Entscheidung treffen. Nico und Antonia brauchen mich, ich muss Geld verdienen, ich brauch diesen Job verdammt noch mal. Ich bin keine schlechte Mutter. Ich bin eine verdammt gute Mutter.“ Ihre Worte klingen ganz ähnlich auch in anderen Serien an. In Unter uns (DE 2019) rechtfertigt Sina ihren Abbruch mit: „Ich mach das für Bambi und für Amelie, für meine Familie. Wenn es einen anderen Weg geben würde, dann würde ich ihn gehen. Ich sehe aber keinen.“ Und auch in Frauenarzt Dr. Markus Merthin (DE 1995) betont der Ehemann die Mütterlichkeit, die in der Entscheidung seiner Frau zum Abbruch liegt: „Wissen Sie, was das für Sie bedeutet haben muss, sich gegen das Kind zu entscheiden und trotzdem für die Familie?“
Auch in diesen Geschichten wird die Diskursfigur der Mutter also über das mütterliche Opfer erzählt. Hier opfert sich die schwangere Frau zwar nicht selbst, aber sie bringt ein Opfer, den Abbruch ihrer Schwangerschaft, und zwar für ihre schon existierenden Kinder. Ihre Mütterlichkeit wird trotz Abbruchswunsch in den Vordergrund gestellt und so reinstalliert. In anderen Geschichten wird das gleiche Argument sogar im Namen zukünftiger Kinder eingesetzt. So versichert Bella aus Verbotene Liebe (DE 2014), dass sie sich schon als Mutter sieht, nur halt nicht jetzt: „Wirklich, ich mag Kinder und ich möchte auch mal welche haben, aber wenn, dann halt mit ’ner richtigen Familie und ’nem richtigen Mann.“ Oder andere Figuren sichern die Mütterlichkeit der ungewollt Schwangeren durch konkrete Nachfragen ab: „Aber du willst schon Babys haben irgendwann, oder?“ (Anna und die Liebe, DE/AT 2008) Ob die Figur also schon Mutter ist oder es später noch werden will, Mutterschaft an sich wird durch den Abbruch nicht bedroht. Konservative Weiblichkeitsnormen bleiben unangetastet und Abtreibung wird in eine familistische Logik eingemündet, „abortion as a way to protect the family“ (Yamagata-Montoya 2021, 136). Und natürlich ist Abtreibung für viele eine Entscheidung im Sinne der Familie. Fast 60 Prozent aller Menschen, die in Deutschland eine Schwangerschaft abbrechen, haben bereits ein oder mehrere Kinder (vgl. DeStatis 2025). Andere treiben ab und werden vielleicht später noch Eltern. Abtreibungen sind nicht unbedingt das Gegenteil, sondern meist ein Teil der Familienplanung. Die Medienwissenschaftlerin Brenda Boudreau macht klar: „[H]aving an abortion is a mothering decision“ (2023, 202, Herv. i. O.). Sie appelliert dafür, Mutterschaft und Abtreibung in Film und Fernsehen öfter zusammen zu zeigen: „[L]inking motherhood with abortion onscreen challenges simplistic thinking about abortion“ (ebd., 203). Aber Boudreau vernachlässigt dabei einen wichtigen Punkt. Es geht nicht nur darum, dass Mutterschaft und Abtreibung narrativ verknüpft werden, sondern auch wie. Wenn Mutterschaft genutzt wird, um Abtreibungen zu rechtfertigen, trägt dies zu einer Aufteilung in gute und schlechte Abtreibungen, richtige und falsche Entscheidungen bei. Eine Abtreibung wird dann nur entschuldigt, wenn Mutterschaft als Weiblichkeitsnorm unangetastet bleibt. Frauen werden so immer nur als Mütter gesehen, als Schon-Mütter oder Noch-Nicht-Mütter. Eine Abtreibung hingegen, die eine Person vornimmt, weil sie ihr Leben und ihre Interessen in den Vordergrund stellt, wird weiterhin und vielleicht sogar verstärkt als egoistische Entscheidung verurteilt.
Eine feministische Perspektive auf Mutterschaft und Abtreibung bieten die Darstellungen, die ich hier besprochen habe, jedenfalls nicht an – nicht weil sich die Figuren per se für Mutterschaft entscheiden, sondern weil Mutterschaft immer übergeordnet bleibt und Selbstlosigkeit zum höchsten Gut einer Frau wird. Ob Abtreibung oder nicht, die schwangeren Figuren werden ausschließlich an Mutterschaft bemessen und Mutterschaft als einzig richtige Entscheidung dargestellt. Hier wird zwar Entscheidungsfreiheit suggeriert, de facto ist es aber gar keine. Vielmehr werden Pro-Choice-Argumente mit patriarchalen Werten versöhnt, eine „maternal pro-choice position“ (Millar 2017, 44). Wirklich für Mutterschaft entscheiden könnten sich diese Figuren nur, wenn auch das Gegenteil eine reale Option wäre.
(1) Die Szene der Schwangerschaftskonfliktberatung ist eine der wenigen Ausnahmen im Korpus – nicht nur weil die Beratung überhaupt inszeniert wird (in den meisten Abtreibungsgeschichten wird sie nur beiläufig erwähnt, wenn überhaupt), sondern auch, weil hier eine durchaus kritische Haltung demonstriert wird. Die Beraterin äußert ihre Unzufriedenheit über die Gesetzesreform: „Also, ein Schwangerschaftsabbruch gilt jetzt als rechtswidrig, ist aber nicht strafbar. Mit dem Wort ‚rechtswidrig‘ wollen sie dich wohl moralisch verpflichten, das Kind auszutragen.“ Mehr zur Rolle der Beratung in den Abtreibungsgeschichten, ihre häufige Aussparung und warum sie für die schwangeren Figuren oft zur Belastung wird, siehe Kabisch 2024.
Quellen
Anna und die Liebe (DE / AT 2008), Folgen 56 – 63, je 30 Min, R: Franziska Hörisch, Jurij Neumann B: diverse
Badinter, Élisabeth (1981). Die Mutterliebe. Die Geschichte eines Gefühls vom 17. Jahrhundert bis heute. München: Piper
Boudreau, Brenda (2023). “Abortion is a Mothering Decision”: How Television Can Challenge the Good/Bad Dichotomy. In: Dies. / Maloy, Kelli (Hg.). Abortion in Popular Culture. A Call to Action. Lanham: Lexington Books, 201–224
Der Landarzt (DE 2011), Folge 252 „Elternfreud, Elternleid“, 45 Min, R: Peter Altmann, B: Anke Winschewski, Niels Holle
DeStatis – Statistisches Bundesamt (2025). Statistischer Bericht – Schwangerschaftsabbrüche – 2024. Online: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Schwan…
Die Sternbergs (DE 1999), Folgen 10 „Eine schwere Entscheidung“, 11 „Aus höchster Not so tief“ und 12 „Allergische Reaktion“, Länge unbekannt, R: unbekannt, B: unbekannt
Dr. Stefan Frank (DE 1997), Folge 42 „Mit dem Herzen einer Mutter“, 46 Min, R: Peter Weissflog, B: Hannah Hollinger
Elementarteilchen (DE 2006), 108 Min, R: Oskar Roehler, B: Ders.
Frauenarzt Dr. Martin Merthin (DE 1995b), Folge 9 „Abschied“, 45 Min, R: Matthias Gohlke, B: Rolf Gumlich
Für alle Fälle Stefanie (DE 2002), Folge 261 „Am seidenen Faden“, 45 Min, R: Michael Knof, B: Michael Ramin, Klaus Brandt
Hickethier, Knut (2010). „Tatort“ und „Lindenstraße“ als Spiegel der Gesellschaft. In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung, 20/2010 „60 Jahre ARD“, 41–46
In aller Freundschaft (DE 2020), Folge 903 „Ungeklärtes“, 45 Min, R: Kerstin Krause, B: Liane Porthun
In aller Freundschaft (DE 2024), Folge 1055 „Alles kann so schnell vorbei sein“, 45 Min, R: Heinz Dietz, B: Stephanie Dörner
Kabisch, Franzis (2024). Konflikte in der Beratung oder Beratung als Konflikt. Abtreibung und die §219-Pflichtberatung in Film und Fernsehen. In: Lohner, Eva Maria / Böhm, Maika / Bomert, Christiane / Krolzik-Matthei, Katja (Hg.). Beratung bei ungewollter Schwangerschaft. Beiträge aus Forschung und Praxis. Gießen: PsychoSozial, 235–256
Lindenstraße (DE 1993), Folge 406 – 413, je 30 Min, R: George Moorse, Marina Thering, B: Martina Borger, Hans W. Geißendörfer
Lindenstraße (DE 2008), Folgen 1182 – 1195, je 30 Min, R: Kerstin Krause, Dominikus Probst, B: Irene Fischer, Michael Meisheit
Lindenstraße (DE 2009), Folge 1235 – 1246, je 30 Min, R: Kerstin Krause, Iain Dilthey, B: Marcus Seibert, Michael Meisheit
Millar, Erica (2017). Happy Abortions: Our Bodies in the Era of Choice. London: Zed Books
Neubert, Flora (2025). Mordende Mütter. In: an.schläge – Das feministische Magazin, II/2025, Wien: Verein CheckART, 26–27
Rösler, Annika / Höllrigl Tschaikner, Evelyn (2023). Mythos Mutterinstinkt. Wie moderne Gehirnforschung uns von alten Rollenbildern befreit und Elternschaft neu denken lässt, München: Kösel
Schicksale – und plötzlich ist alles anders (DE 2016), Folge 849 „Die dritte Entscheidung“, 23 Min, R: unbekannt, B: unbekannt
Sibel & Max (DE 2016), Folge 16 „Drei sind einer zu viel“, 43 Min, R: Ulrike Hamacher, B: Michel Birbaek, Hagen Moscherosch, Frederik König
Unter uns (DE 2019), Folgen 6221 – 6260, je 25 Min, R: diverse, B: diverse
Verbotene Liebe (DE 2014), Folgen 4620 – 4633, je 40 Min, R: diverse, B: diverse
Witherington, Laura S. (2023). “I’m Offended by All the Supposed-To’s”: HBO’s Pro-Choice Influence. In: Boudreau, Brenda / Maloy, Kelli (Hg.). Abortion in Popular Culture. A Call to Action. Lanham: Lexington Books, 115–124
Yamagata-Montoya, Aurore (2021). Dressing the Mizuko Jizō. Materialising the aborted fetus in Japan. In: Hurst, Rachel Alpha Johnston (Hg.). Representing Abortion. London/New York: Routledge, 131–141