Sexuelle Bildung und reproduktive Rechte in der Slowakei

Rosa Hintergrund, drei gelbe Quebalken und ein grüner Kreis

Die Slowakei ist ein rechtskonservativ regiertes Land. Reproduktive Rechte sind gesetzlich verankert, jedoch stehen sie immer wieder im Zentrum politischer und gesellschaftlicher Debatten, insbesondere im Hinblick auf den Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen und umfassender sexueller Aufklärung. Dagegen organisiert sich Widerstand, der das Recht auf Information forciert, aufklärt und Netzwerke stärkt.

Natália Blahová, Mitbegründerin und Koordinatorin des Projekts "Dôstojná menštruácia" ("Menstruation mit Würde") bei inTYMYta, gibt Einblick in die Arbeit der Organisation, die sich seit 1991 für reproduktive Rechte, Gesundheit und das Recht auf Information sowie gegen Periodenarmut in der Slowakei einsetzt.

 

1. Wie ist die politische Lage in der Slowakei? Wie ist der Stand der reproduktiven Rechte und ihrer Umsetzung?

In der Slowakei herrscht derzeit eine starke politische Polarisierung, wobei von Experten geleitete Bemühungen zur Verbesserung der Aufklärung über sexuelle und reproduktive Gesundheit auf zunehmenden politischen und ideologischen Widerstand stoßen. Das Land durchläuft zudem eine umfassende Lehrplanreform für das Schuljahr 2026/2027, mit der Sozial-, Emotions-, Beziehungs- und Sexualerziehung in den Schulen eingeführt wird. Gleichzeitig könnten Gesetzesvorlagen zur elterlichen Einwilligung für Beziehungs- und Sexualerziehung den Zugang von Kindern zu wichtigen Informationen einschränken. Dies ist besonders besorgniserregend für schutzbedürftige Kinder, darunter solche, die zu Hause Missbrauch oder Gewalt erleben. Sie haben möglicherweise die geringsten Chancen, eine elterliche Einwilligung zu erhalten, benötigen jedoch am dringendsten Informationen über Grenzen und darüber, wo sie Hilfe finden können.

Die öffentliche Debatte wird zudem stark von Falschinformationen und angstschürenden Darstellungen geprägt. Altersgerechte Sexualerziehung wird manchmal als schädlich für Kinder dargestellt, obwohl Erkenntnisse von Organisationen wie der WHO und der UNESCO zeigen, dass umfassende Sexualerziehung eine sicherere und verantwortungsbewusstere Entscheidungsfindung fördert.

Diese politischen Herausforderungen haben konkrete Auswirkungen auf die reproduktive Gesundheit. Der Zugang zu Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen ist im Vergleich zu anderen EU-Ländern nach wie vor eingeschränkt, während Schwangerschaften bei Teenagern und Lücken bei zuverlässigen Informationen weiterhin Anlass zur Sorge geben. Junge Menschen suchen zunehmend im Internet nach Antworten, wo sie möglicherweise auf Falschinformationen, frauenfeindliche Inhalte und schädliche Stereotype stoßen. Für Organisationen wie unsere bestehen die größten Herausforderungen daher nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch auf politischer und institutioneller Ebene: Polarisierung, Fehlinformationen, die Tabuisierung von Sexualität, digitale Risiken, ungleiche Unterstützung für marginalisierte Gruppen, begrenzte öffentliche Mittel und Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Reformen. Das Spannungsfeld zwischen ideologischen Einschränkungen und dem Recht des Kindes auf verlässliche Informationen, Gesundheit, Sicherheit und Würde ist offensichtlich.

 

2. InTYMYta besteht als Organisation seit 1991. Warum wurde InTYMYta gegründet? Wie hat sich der Arbeitsschwerpunkt in den letzten Jahrzehnten verändert?

InTYMYta wurde von Gynäkolog*innen und anderen Expert*innen im Bereich der reproduktiven Gerechtigkeit als gemeinnützige Organisation gegründet, deren Schwerpunkt auf der Förderung der sexuellen Gesundheit und der Beziehungen junger Menschen liegt. Nach mehr als 30 Jahren Arbeit hat sich unser Schwerpunkt weiterentwickelt, insbesondere seit 2020 hin zu einer umfassenden Beziehungs- und Sexualaufklärung (CSE), die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, Respekt, Gleichberechtigung und Sicherheit basiert.

Heute lautet unsere Vision: „Beziehungs- und Sexualerziehung für eine gesunde, gerechte und respektvolle Gesellschaft.“ Wir bieten altersgerechte Aufklärung an, schulen Lehrkräfte und andere Fachkräfte, unterstützen Eltern und fördern evidenzbasierte Informationen über Sexualität und gesunde Beziehungen. Außerdem haben wir in der Arbeitsgruppe mitgewirkt, die die CSE-Ziele für die 2026 in Kraft tretende Lehrplanreform in der Slowakei entwickelt hat.

Unser derzeitiger Ansatz legt den Schwerpunkt auf messbare Wirkung und darauf, durch geschulte Pädagog*innen, engagierte Eltern und den Aufbau regionaler Kapazitäten mehr Menschen zu erreichen. Zu unseren Programmen gehören interaktive Workshops für Kinder und Erwachsene, Lehrerfortbildungen, der „Tag der gesunden Beziehungen“ sowie Initiativen wie „Dignified Menstruation“ oder „Beyond The Pill“. Unser interdisziplinäres Team aus Pädagog*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen, Forscher*innen und weiteren Expert*innen stellt sicher, dass unsere Arbeit sowohl auf wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch auf praktischer Erfahrung basiert. Letztendlich ist es unser Ziel, sicherzustellen, dass jedes Kind Zugang zu vertrauenswürdigen Informationen und mindestens einem vertrauenswürdigen Erwachsenen hat, an den es sich mit Fragen zu Beziehungen, Sexualität und Sicherheit wenden kann.

 

3. Sexualaufklärung ist ein zentraler Bestandteil eurer Arbeit. Was genau umfasst eure Arbeit?

Im Mittelpunkt unserer Bildungsarbeit steht die umfassende Beziehungs- und Sexualaufklärung (CSE), die wir in Form von Workshops für Kinder und Jugendliche in Schulen anbieten – von der ersten Klasse der Grundschule bis zur Sekundarstufe –, wobei wir uns stets an das Alter und die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe anpassen. Wir behandeln Themen wie Einwilligung, persönliche Grenzen, Körperpositivität, gesunde Beziehungen, Medien- und Pornografiekompetenz, Verhütung, sexuelle Orientierung sowie die Prävention von sexueller Gewalt, Belästigung und Cybermobbing.

Über den Unterricht hinaus bieten wir Workshops und Einzelberatungen für Eltern an, damit diese mit ihren Kindern entsprechend ihrer eigenen Werte über diese Themen sprechen können, sowie zertifizierte Fortbildungen und Auffrischungskurse für Lehrkräfte und Schulpersonal und schulweite Veranstaltungen wie unseren „Tag der gesunden Beziehungen“. Wir sind außerdem Mitgliedsorganisation der International Planned Parenthood Federation und haben mit fachlichem Input zur Arbeitsgruppe beigetragen, die die Ziele für die Beziehungs- und Sexualerziehung im Rahmen der slowakischen Lehrplanreform erarbeitet hat, die im Schuljahr 2026/2027 in Kraft tritt.

 

4. Ein weiterer Aspekt ist das Thema Periodenarmut. Was bedeutet Periodenarmut und wie geht ihr mit diesem Problem um?

Unter „Menstruationsausgrenzung“ verstehen wir den eingeschränkten Zugang zu Menstruationsprodukten, sauberem fließendem Wasser und angemessenen sanitären Einrichtungen wie Spültoiletten, Duschen oder Badewannen. Dazu gehören auch ein Mangel an Informationen und Aufklärung über die Menstruation, über Menstruationsprodukte und deren Verwendung sowie über menstruationsbezogene Gesundheitsprobleme und ein eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung. Im Gegensatz zum häufiger verwendeten Begriff „Periodenarmut“ geht es bei der „Menstruationsausgrenzung“ nicht nur um Armut oder einen Mangel an Ressourcen. Sie hat ihre Wurzeln in umfassenderen sozialen Strukturen, die zu Ungleichheit, Marginalisierung und sozialer Ausgrenzung beitragen.

Im Rahmen unseres Projekts „Dignified Menstruation“ (Dôstojná menštruácia) setzt sich InTYMYta seit 2020 gegen Menstruationsausgrenzung und Periodenarmut ein – durch direkte materielle Unterstützung, die Einrichtung von Menstruationsschränken (Menštruačné Skrinky), Interessenvertretung, Aufklärung und Forschung. Darüber hinaus haben wir 2025 die „Initiative für eine würdige Menstruation“ (Iniciatíva za dôstojnú menštruáciu) mitbegründet, ein Netzwerk, das den öffentlichen, privaten und gemeinnützigen Sektor rund um die Themen Menstruation und reproduktive Gerechtigkeit miteinander verbindet.
 

5. Vor welchen Herausforderungen steht inTYMYta bezüglich der Bildungsarbeit? Wo habt ihr bereits Fortschritte erzielt?

Unsere größten Herausforderungen sind nach wie vor politischer und gesellschaftlicher Natur und nicht rein pädagogischer Art. Hartnäckige Mythen stellen altersgerechte Sexualaufklärung als etwas dar, das Kinder „sexualisiert“, und diese auf Angst basierende Darstellung schürt Widerstand nicht nur bei einigen Politikern, sondern auch bei Eltern, die in einer Kultur aufgewachsen sind, in der Sexualität und Emotionen tabu waren. Vorschläge, die eine vorherige elterliche Zustimmung für Beziehungs- und Sexualerziehung vorschreiben, begrenzte und unsichere öffentliche Mittel sowie die Notwendigkeit, Schulen in allen Regionen der Slowakei zu erreichen – nicht nur in größeren Städten –, stellen weitere Hindernisse für eine konsequente, landesweite Umsetzung dar.

Gleichzeitig haben wir echte Fortschritte erzielt. Die Beziehungs- und Sexualerziehung ist nun offiziell in der Lehrplanreform verankert, die im Schuljahr 2026/2027 in Kraft tritt, und wir haben als Mitglieder der offiziellen Arbeitsgruppe die Ziele dieser Reform mitgestaltet. Die Nachfrage nach unseren Lehrerfortbildungen, Schulworkshops und Elternberatungen wächst stetig, und unsere "Initiative für eine würdige Menstruation“ hat sich zu einem breiteren, sektorübergreifenden Netzwerk entwickelt. Außerdem beobachten wir eine zunehmende Offenheit in der öffentlichen und medialen Debatte, was uns mehr Spielraum gibt, Fehlinformationen mit wissenschaftlich fundierten Informationen zu entkräften.
 

6. Inwieweit ist eure Arbeit politisch wichtig?
 

Wir betrachten unsere Arbeit als äußerst politisch bedeutsam, da Aufklärung über Beziehungen, Sexualität und reproduktive Gesundheit eng mit den Rechten, der Gleichberechtigung, der Gesundheit und der Sicherheit der Menschen verbunden ist. Obwohl wir eine gemeinnützige und überparteiliche Organisation sind, trägt unsere Arbeit dazu bei, die öffentliche Politik mitzugestalten und Ungleichheiten zu bekämpfen. Wir beteiligen uns an politischen Diskussionen, bringen unser Fachwissen in verschiedene Reformen ein und setzen uns für den Zugang zu verlässlichen Informationen, Gesundheitsversorgung und einer menschenwürdigen Menstruation ein.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht auch darin, Themen zu entstigmatisieren, die oft als privat, tabu oder unangenehm gelten. Wir bringen Gespräche über Sexualität, Intimität, reproduktive Gerechtigkeit, Zugangsmöglichkeiten und Rechte in die Öffentlichkeit und schaffen so Raum für eine faktenbasierte Diskussion, in der wir Mythen, Schamgefühle und Diskriminierung hinterfragen. In diesem Sinne verstehen wir unsere Arbeit nicht nur als Aufklärung, sondern auch als Schaffung eines sozialen und politischen Raums, in dem Menschen ihre Rechte verstehen und einfordern können.

 

Zum Warenkorb hinzugefügt: