Lithium-Abbau in Altenberg?
Altenberg im Osterzgebirge blickt auf eine lange Bergbau-Tradition zurück. Bald 600 Jahre liegt die Entdeckung eines großen Zinnerz-Vorkommens am Fuße des Geisingbergs zurück. Es war die größte Zinnerz-Lagerstätte Mitteleuropas. 1991 wurde sie stillgelegt.
Nun suchen neue Glücksritter ihr Glück in Altenberg: Es geht um Lithium, das u.a. Anwendung in Batterien und Akkus findet. Im sächsischen Zinnwald befindet sich eine der größten Lagerstätten Europas für das begehrte Lithium. Noch mehr davon lagert im benachbarten tschechischen Cínovec, einem Ortsteil von Dubí nahe Teplice.
Doch ganz so einfach ist die Suche nach dem Glück dann doch nicht:
(1) Der gesamte Untergrund in und um Altenberg ist löchrig wie ein Käse - zernagt von zahlreichen Schlägeln und Eisen - den Werkzeugen der frühen Bergleute. Immer wieder kommt es dazu, dass der Untergrund absackt, weil ein alter Stollen und damit der Untergrund nachgibt. Erst jüngst brachen in Altenberg ein Stück Straße und Fußweg weg (1). Viel berühmter ist die Altenberger Pinge: Ein riesiger Krater mit einem Durchmesser von 400 Metern und einer Tiefe von rd. 130 Metern. Die Gier nach dem Zinnerz hatte solche Ausmaße angenommen, dass es irgendwann, an einem Montag im Jahr 1620, krachte und der lukrative löchrige Käse zusammenbrach.
(2) Der Lithium-Abbau stößt auf Widerstand in der Bevölkerung. Viele haben Angst um ihre Häuser. Es geht dabei weniger um Enteignungen, wie es etwa in den Kohleregionen in Mitteldeutschland und der Lausitz der Fall ist, sondern um die Auswirkungen unterirdischer Sprengungen. Alte Stollen könnten durch die Detonationen zusammensacken und mit ihnen die Häuser. Wasser könnte unkontrolliert abfließen und heftige Überflutungen in Tälern wie des Ortes Geising anrichten.
(3) Und auch die Umweltbelastungen machen Anwohner*innen Angst. Woher soll das benötigte Wasser kommen? Wie groß werden die Lärm- und Luftbelastungen? Schließlich hat man es bis heute nicht geschafft, das schwermetalllastige Wasser aus der Pinge zu reinigen, bevor es die Müglitz erreicht. Anwohner*innen von Bärenstein klagen noch heute über die Staubbelastung aus der nahegelegenen Spülkippe im Bielatal, in der Zinn einst aus dem Gestein gespült wurde.
(4) Es werden gewaltige finanzielle Mittel benötigt für die Erschließung des Lithiums. Daran sind bereits einige gescheitert:
2011 versuchte Solarworld mit seiner Tochterfirma "Solarworld Solicium GmbH Freiberg" sein Glück. 2013 war bereits mit dem Vorhaben Schluss: Unter der CDU-geführten schwarzgelben Regierungskoalition und einer harten Hand gegen Erneuerbare Energien sowie einem harten Preiskampf war Solarworld in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. 2017 folgte das kanadische Rohstoffunternehmen Bacanora Minerals, 2020 die 'Erris Ressources PLC': Zinnwald Lithium PLC und die "Zinnwald Lithium GmbH" wurden geboren. 2023 stieg AMG Critical Materials N.V. bei Zinnwald Lithium PLC ein und kündigte im Mai 2026 an, auch die restlichen Anteile des Unternehmens zu übernehmen.
"Heimisches Lithium kann dazu beitragen, Europas Versorgung mit kritischen Rohstoffen widerstandsfähiger zu machen und die Transformation der Automobil-, Batterie- und Hightech-Industrie zu unterstützen. Dies stärkt den Rohstoffstandort Sachsen und ganz Europa."
(Sachsens Wirtschaftsminister, Dirk Panter, Pressemeldung, Juli 2026)
(5) Für den Lithium-Abbau liegt der Bergbaubehörde bis heute noch kein Antrag auf das notwendige Planfestellungsverfahren vor. (2)
Ein seit April 2026 vom sächsischen Oberbergamt genehmigter Explorations- (Erkundungs-)stollen soll nun weitere Daten liefern. Dabei soll u.a. untersucht werden, welche konkreten geologischen und wasserbaulichen Anforderungen sich noch ergeben.(3) Anders als interessierten Bürger*innen kommuniziert, soll der für den Erkundungszweck geschaffene Zugang auch bei der Erschließung des Lithiums eine Rolle spielen. Die Genehmigung ist bis 2027 begrenzt, kann bei Bedarf jedoch verlängert werden (4).
Lithium-Abbau auf tschechischer Seite
Auf der tschechischen Seite geht das Verfahren für einen Lithium-Abbau schneller voran, da die aktuelle Regierung das Projekt forciert und auch öffentliches Geld fließen wird.
"Geht es nach der Regierung in Prag, soll das "weiße Gold" Tschechiens Wirtschaft vorantreiben und die Region Usti entwickeln."
(Deutsche Welle, 2023)
Das Genehmigungsverfahren für den Abbau von Lithium auf tschechischer Seite läuft. Der Lithiumabbau wurde im März 2025 als strategisches Rohstoffprojekt gemäß des EU Critical Material Law Acts eingestuft, was ein beschleunigtes Genehmigungsverfahren durch die zuständigen Behörden ermöglicht. Und es soll aus dem Fonds für Just Transition finanziert werden. Rund 361 Mio. Euro Subventionen und knapp 33 Mio. Euro EU-Fördergelder sind eingeplant zur Finanzierung (5).
Auf tschechischer Seite sind zwei unterschiedliche Projekte geplant:
(a) Zum einen soll Lithium aus Sand einer ehemaligen Zinnhalde nahe Zinnwald gewonnen werden. Die Anwohner*innen Zinnwalds befürchten eine enorme Luftbelastung etwa durch belasteten Staub. Zugleich wird befürchtet, dass das Vorhaben "der Sargnagel" für die bereits heute stark gefährdete Fauna (z.B. Wachtelkönig und Birkhuhn) ist, die bereits seit dem Ausbau der Autobahn auf dem Rückzug ist.
(b) Das zweite Vorhaben durchlöchert den Boden des Erzgebirgskamms noch weiter, um Lithium zu gewinnen. Das Unternehmen geomet Über einen Tunnel in Richtung deutsche Grenze soll Lithium abgebaut werden. Über eine Seilbahn bzw. einen Tunnel soll das gewonnene Material zur Weiterverarbeitung gehen.
Das Papier zur Prüfung der Umweltverträglichkeit für das zweite Projekt erreichte Deutschland im Mai 2026. Sowohl das sächsische Oberbergamt, betroffene Bürger*innen als auch Bürgerinitiativen hatten gerade einmal 30 Tage Zeit, sich durch das 2.800 A4-Seiten umfassende Papier zu fressen und ihre Stellungnahmen abzugeben. Die Frist galt auch für (betroffene) tschechische Kommunen und Bürgerinitiativen. Quasi ein Ding der Unmöglichkeit! Dennoch gelang es den Bürgerinitiativen deutlich qualifiziertere Aussagen zu treffen als dem sächsischen Oberbergamt, weil sie aufgrund der internationalen Vernetzung deutlich besser informiert und vorbereitet waren.
Widerspruch gab es in den folgenden Punkten:
(1) Sprengungen gefährden die Stabilität des Untergrunds (und damit auch Menschen und Häuser). Neben massiven Einbrüchen kann es auch zu geringfügigen Hebungen und Senkungen kommen, die aber ebenfalls Auswirkungen auf die Statik von Gebäuden haben werden.
(2) Starke Veränderungen beim Wasser im Untergrund und an der Oberfläche: Der Lithium-Abbau in Tschechien führt dazu, dass sich die Wasserscheide verlagert, d.h., Wasser, das einst in Richtung Deutschland floss, könnte durch den Lithium-Abbau künftig Richtung Tschechien entwässern. Das bliebe nicht ohne Folgen für Brunnen, Feuchtgebiete (z.B. Georgenfelder Hochmoor) und Oberflächengewässer (z.B. Galgenteiche). Für das deutsche Erzgebirge wird mit einem Rückgang von über 70 Prozent in Fließgewässern gerechnet. In tschechischen Fließgewässern mit einem Rückgang zwischen 50 und 60 Prozent, weil das verfügbare Wasser unterirdisch entwässert. Im Jahr 2026 hatte die Talsperre Gottleuba bereits Probleme mit der Füllhöhe. Es wird erwartet, dass diese Probleme durch den Lithium-Abbau zunehmen könnten, was die Trinkwasserversorgung der Region um Pirna gefährdet.
(3) Der Erholungsort Dubí hat lange gegen die LKW-Kolonnen aus Deutschland gekämpft. Mit dem Ausbau der Autobahn Prag-Dresden (A17) gelang eine enorme Entlastung, die durch den Lithium-Abbau allerdings wieder oboslet werden könnte, da es zu verstärkten Transporten kommt. Auch enorme Umweltbelastungen wie Lärm und Staub kämen auf die Stadt zu.
(4) Die Stadt Dubí rechnet mt Einnahmen durch den Lithium-Abbau i.H.v. ca. einer Million Euro. Diese Summe dürfte durch die Bekämpfung der ökologischen und gesundheitlichen Folgen des Lithium-Abbaus allerdings rasch aufgefressen sein.
(5) Der Titel des Unesco-Weltkulturerbes für das Erzgebirge steht auf dem Spiel, wenn große Veränderungen auftreten - z.B. durch weitere Einstürze und Wassereinbrüche - etwa beim Schaubergwerk zwischen Altenberg und Geising ausgelöst durch Sprengungen. Schade ist nur, dass die Sorgen deutscher Ämter (Oberbergamt, Amt für Landesdenkmalpflege) eher um das Thema Montanregion kreisen und weniger um Belange der örtlichen Bevölkerung.
Weiterführende Links zum Thema:
- Informationen über die Lithium-Vorhaben im Ost-Erzgebirge
- Chronik zum Lithium-Abbau im Ost-Erzgebirge
- Fact Sheet zum Thema (Anfang 2025)
- tschechische Bürgerinitiative "Lithium Cinovec"
Übrigens: Noch rund ein Drittel des Zinnerzes lagert noch in und um Altenberg im Gestein. Bislang lohnte sich der Abbau nicht. Doch auch hier könnte es passieren, dass sich wagemutige Investoren vorwagen!