Am 08. März 2024 wurden gemeinsam mit Gunther Demmnig, dem Stolperstein e.V. und dem Fachnetzwerk gegen Antiziganismus/Antiromaismus in Sachsen 12 Stolpersteine für die Familie Blum am Volkshaus Laubegast in Dresden verlegt.
Ella Braun ist Angehörige der verfolgten Familie Blum. Sie ist die Enkelin von Toni Blum und Nichte von Willy Blum. An der Verlegung der Stolpersteine konnte sie nicht teilnehmen.
Anschließend an die Stolpersteinverlegung fand im Volkshaus Laubegast zusammen mit dem Stolperstein e.V. eine Lesung aus dem Buch „Das Kind auf der Liste – Die Geschichte von Willy Blum und seiner Familie“ und ein Gespräch mit der Autorin Annette Leo und Ella Braun statt. Auch ihre Tochter Vanessa war Gast der Veranstaltung.
In den folgenden Tagen durften wir ein Interview mit Ella Braun führen. Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus dem Interview.
„Mein Name ist Ella Braun und ich stamme aus dem Volk der Sinti. Mein Vater, meine Mutter, meine Großeltern und ihre ganzen Geschwister waren alle in Auschwitz. Wir haben nach dem Krieg am Rande der Gesellschaft leben müssen, immer noch, in der Schule Ausgrenzungen bis zum geht nicht mehr. Also wir haben wirklich viel mitgemacht. Es war ein ständiger Kampf, den wir hatten.“
Wir, das sind RomaRespekt und das Fachnetzwerk Antiziganismus/Antiromaismus Saschen, durften Ella Braun Mitte April kennenlernen und ein paar Tage mit ihr verbringen. Wir haben mit Ella über ihre Erlebnisse und Erfahrungen gesprochen. Über das, was ihre Familie im Nationalsozialismus erleiden musste, wie das Leben nach dem Krieg war und wie es jetzt ist, in einer Gesellschaft zu leben, die immer noch stark von Vorurteilen und Hass gegenüber Sinti und Roma geprägt ist. Über den Kampf um Anerkennung des Porajmos als systematischem Massenmord, den die Menschen der Roma und Sinti zu lange alleine kämpfen mussten und um den sie bis heute noch kämpfen müssen.
„Aber ich muss dazu sagen, trotz dem Rassismus haben wir in der Familie ein wunderbares Leben gehabt, der Zusammenhalt war sehr groß. Mein Vater mit seinen Brüdern, die hatten die Mutter in Auschwitz verloren. Es war eine Gemeinschaft das kann man nicht erklären! Und meine Mutter mit ihren Geschwistern, mein Großvater hat noch gelebt, Alois Blum, der dieses Theater hatte und das war ein wunderbarer Mensch.“
Ella Braun wurde am 23. September 1948 in Bremen geboren. Sie ist die Nichte von Willy Blum, bekannt aus dem Buch „Das Kind auf der Liste“ von Annette Leo.
Das Buch erzählt die Geschichte von Ellas Familie. Es zeigt die Zeit, als die Familie Blum mit ihrem Puppenspieltheater von Ort zu Ort reiste und sehr berühmt war. Es erzählt auch über das Leben während des Nationalsozialismus, die Diskriminierung in der Schule, durch die Nachbarn, die Vertreibung aus dem eigenen Zuhause, den Raub des eigenen Hab und Guts, die Verfolgung durch die Kriminalpolizei und die Nationalsozialisten, bis hin zum Tod.
„Also ich muss euch ganz ehrlich sagen, es kostet mich manchmal sehr viel Kraft, da drüber zu sprechen. Es ist nicht so einfach, Mädels. Was willst du auch erzählen von diesen brutalen Übergriffen, von diesen Morden, von den Vergasungen, von den Sterilisationen? Und was sollst du erzählen? Wisst ihr, was ich meine? Ja und wem erzählst du das und wofür?“
Aber das Buch erzählt uns vor allem auch etwas über Widerstand, über den Zusammenhalt der Familie, über den Kampf ums Überleben, über den Kampf nach dem Krieg, wieder mit den Nachbarn, in der Schule, mit der Polizei, teilweise mit genau den gleichen Personen, die während des Krieges diskriminiert und verfolgt haben.
„Wir wohnten in Müllheim an der Ruhr, Saarn, und die Leute sind bei uns an den Wohnwagen sonntags vorbei, runter an die Ruhr. Dann sind sie stehen geblieben und haben uns angeguckt, als würden sie einen Film sehen. Ich war jedes mal als Kind dermaßen bösartig und ärgerlich deswegen, dass ich jedes Mal mit irgendwas geschmissen hab und geschimpft hab. Papa hat mir das immer verboten. »Mädel hör doch mal auf! Mach das nicht, lass doch die Leute!« Nein, hab ich gesagt, ich will das nicht, nein! Ich war immer eine Kämpferin! Was wollt ihr denn, habe ich gesagt. Hier wird doch kein Kino gespielt. Ach, furchtbar. Aber es war leider so noch nach dem, Ihr müsst euch das vorstellen, nach dem Krieg, nach den Verfolgungen unserer Leute, nach der Vergasung von den Leuten. Diese Qual in Auschwitz, da haben die noch den Rassismus in sich gehabt und haben nicht aufgehört. Sie konnten.., es war in ihnen drin, sie konnten es nicht ablegen, also seid mir jetzt nicht böse, dass ich das so sage, aber so ist es gewesen!“
Annette Leo, die Autorin des Buches, fragte Ella Braun nach der Lesung nach dem Schild, das sie für die gaffenden Leute anfertigte.
„Das hat mich dermaßen geärgert. Papa hat dann zwar geschimpft, da hab ich ein Schild genommen und hab drauf geschrieben: Bitte nicht füttern!“
Doch sie erlebte nicht nur Alltagsrassismus, sondern auch behördlichen Rassismus. Nach dem Krieg waren meist noch die Täter in den gleichen Funktionen in der Polizei, in Ämtern auch in Krankenhäusern.
Noch bis in die 1970er Jahre fand die Erfassung der Namen, Fingerabdrücke und persönlichen Daten der Sinti und Roma aus dem gesamten Bundesgebiet statt. Die polizeiliche Sondererfassung in der Bundesrepublik erfolgte durch bayerische Kriminalpolizisten in der sogenannten „Landfahrerzentrale“. Diese Erfassung wurde auf der Grundlage der NS-Akten fortgeführt. Es gab personelle Überschneidungen mit dem Personal aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt, das aus der Gestapo, der Kriminalpolizei und der SS bestand. Dieses Personal wurde nach dem Krieg im Bayerischen Landeskriminalamt wieder verbeamtet und trat auch noch als Gutachter in Entschädigungsanträgen von Sinti und Roma auf.
Auf die Frage, ob Sie Angst davor hat, dass Emotionalität als Schwäche interpretiert werden könnte, antwortet Ella braun: „Ja, das will ich nicht wirklich. Was nützt es dir, schwach zu sein. Ihr könnt das vielleicht nicht verstehen, aber das ging schon von Kindheit an so.“
„Das ist, weißt du, diese Emotionalität. Das ist das, was ich eigentlich nicht möchte. Hier musst du Klartext sprechen. Anders geht’s nicht. Allein die Ausgrenzung. Und die gibt es heute noch, das glaubt ihr nicht.“
„Ich war im Zentralrat der Sinti und Roma. Das war für mich ein ganz besonderes Anliegen, weil diese Leute gekämpft haben und ich bin auch irgendwie eine Kämpferin. Wenn man das mitgemacht hat, was mein Volk mitgemacht hat, dann wird man zum Kämpfer. Man will sich nicht prügeln, aber man will seine Rechte. Wir sind auch nur Menschen. Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen. Vor allen Dingen muss ich wirklich sagen, durch den Hungerstreik ist dann eine Wende eingetreten. Romani Rose, mein Onkel Franz Wirbel, mein Vater Otto Schopper, die waren alle in Dachau und im Hungerstreik.“
Am 4. April 1980 gingen 12 Sinti in der Evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau in den Hungerstreik. Unter ihnen waren vier Überlebende des Porajmos: Ranco Brandtner, Hans Braun, Franz Wirbel und Jacob Bamberger.
Die zentralen Forderungen des Hungerstreiks waren die Anerkennung des NS-Völkermords an den Sinti und Roma durch die Bundesregierung, die sofortige Beendigung der polizeilichen Sondererfassung von Sinti und Roma sowie die Herausgabe der NS-Akten aus dem ehemaligen Reichssicherheitshauptamt, die im Bayerischen Landeskriminalamt weiterhin verwendet worden waren.
Dieser Protest veränderte die öffentliche Wahrnehmung von Sinti und Roma und löste eine breite internationale Welle der Solidarität aus.
Das war 1980 und was hat sich in den letzten 40 Jahren geändert?
„Vor Jahren war mir das einerlei. Ich hab mich geoutet, ich war I Am What I Am. Aber heute ist das alles nicht mehr so einfach. Unsere Kinder, und das tut weh, unsere Kinder in den Schulen, auf der Uni, trauen sich nicht, sich zu outen und zu sagen, was sie sind. Ist das nicht schlimm? Wenn du als Mensch nicht sagen darfst, wer du bist, nur weil wir in diesem Land immer noch den Rassismus haben, der nicht aufhört! Warum ist denn das so? Könnt ihr mir sagen warum? Und trotzdem: Wir müssen hier leben, wir müssen unsere Kinder ausbilden lassen, großziehen. Ich habe ein Haus gebaut, mehr kann man doch nicht tun!“
In unserem Gespräch äußerte Ella Braun den Wunsch und die Hoffnung:
„Meine Message ist die: Ich sage es ganz oder gar nicht. Man soll uns endlich in Ruhe lassen! Wir sind Sinti, wir sind genau wie alle anderen Menschen auch. Bei uns gibt es solche und solche, wir sind nicht alle gleich. Man soll uns einfach in Ruhe lassen! Mein allergrößter Dank gebührt Romani Rose, der mit meinem Onkel Franz Wirbel in Dachau im Hungerstreik war. Und meine Eltern haben draußen gehungert. Die Leute mussten kämpfen, um irgendwas zu erreichen. Weißt Du, wir waren der letzte Dreck auch noch nach Auschwitz. Ja wirklich, erst durch diesen Hungerstreik und den Einsatz von Romani Rose und vielen meiner Leute, Franz Wirbel, meinem Vater, ist eine Änderung eingetreten. Obwohl, die Denkweise der Menschen, die konntest du nicht ändern. Aber es hat sich viel geändert, durch den Verband, durch die Arbeit, die wir leisten. Durch die Referate, die wir in Schulen halten.“
Am Ende unserer Gesprächsrunde war es Ella Braun noch wichtig zu sagen:
„Ja, ich danke euch noch mal allen für Euer Kommen! Und Ihr wisst ja genau so gut wie ich, dass dieser Rassismus in Deutschland wieder Ausmaße annimmt und wer sich wehren kann, sollte sich wehren, denn das wollen wir nicht noch einmal erleben! Und ich glaube, da sind Sie meiner Meinung. Ja! Dankeschön ihr Lieben!“