Abschlussdiskussion: Ökologisches Wirtschaften zwischen sozialer Notwendigkeit und individueller Freiheit

Lesedauer: 4 Minuten

Die Veranstalter im Gespräch mit:

Prof. Dr. Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende des BUND und Mitautorin der Nachhaltigkeitsstudien «Zukunftsfähiges Deutschland» sowie des Buches «Postwachstumsgesellschaft»,

Mathias Schmelzer, Co-Autor des Buches «Postwachstum. Krise ökologische Grenzen und soziale Rechte» und

Dieter Janecek, Mitglied des Deutschen Bundestages und wirtschaftspolitischer Sprecher für Bündnis90/Die Grünen.

 

Mit der Abschlussdiskussion soll die Wachstumsreihe, die ein Blick auf die verschiedensten Facetten wirtschaftlichen Wachstums und dessen problematische Folgewirkungen eröffnet hat, in einer perspektivenreichen Debatte abgerundet werden. Dabei geht es nicht darum, ein endgültiges Resümee für das Problemuniversum „Wachstum“ zu formulieren und den Diskurs über die Zukunft modernen Wirtschaftens zu beenden. Vielmehr hat die Runde zum Ziel, die gedanklichen Strömungen um die Zukunft des Wachstums zu diskutieren. Auf diesem Weg sollen dem interessierten Publikum Zugänge nahegelegt werden, die Thematik um wirtschaftliche Entwicklungsprozesse vor einem detailreichen Hintergrund zu bewerten. Nicht zuletzt ging es bei dem abschließenden Streitgespräch darum, aktuelle Positionen festzuhalten, um somit Anknüpfpunkte für den weiteren Diskurs zu eröffnen.

In dem Anliegen, inhaltliche Standpunkte über die Vortragsreihe zusammenfassen, drehte sich die Diskussion um die zentrale Frage, welche Art von Wachstum zukunftsfähig wäre. Dabei kristallisierten sich mit  den Gästen drei inhaltliche Profillinien heraus, die sich in Form und Umfang der Kritik grundlegend unterscheiden.

Angelika Zahrnt leitet die Diskussion mit dem Verweis darauf ein, dass Steuern und Jobs bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen einen hohen Stellenwert einnehmen. Wachstum gilt in dieser Konsequenz als materielle Grundlage für gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsproduktion und bildet – im Falle der klassischen Sozialstaatsmodelle entwickelter Ökonomien – die Ausgangsbasis für Umverteilung.

Bei der Beurteilung von Wachstum als zukunftsfähige Form hält Zahrnt fest: „Wohlstand muss innerhalb der ökologischen Grenzen stattfinden.“ Wenngleich sie dabei Überlegungen über ein „Weniger“ in bestimmten Formen des Konsums für sinnvoll hält, unterstreicht sie jedoch, dass es ihr nicht um eine Verzichtsstrategie geht. Stattdessen sei im Streit über die Form und das Ausmaß gesellschaftlichen Konsums stets eine Detailüberlegung notwendig.

Auf die Frage nach einer gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung im Rahmen ökologischer Grenzen betont Zahrnt, dass Bildung und Ausbildung gegenwärtig vor allem auf die Produktion und Anhäufung von Fachwissen ausgelegt sei, wogegen soziale Kernkompetenzen wie Teamfähigkeit, Kreativität oder Formen des gesellschaftlichen Miteinander zu wenig wertgeschätzt würden. In dieser Hinsicht plädiert sie bei der Gestaltung wirtschaftlicher Transformationsprozesse auch stets für einen begleitenden Prozess gesellschaftlichen Lernens.

Mathias Schmelzer als Vertreter der De-Growth- oder Postwachstumsströmung verweist vor allem auf die globale Dimension der Ungleichheit wirtschaftlicher Entwicklung. Er räumt mit Hinblick auf die soziale Gerechtigkeit dem „globalen Süden“ das Recht auf Wachstum zur Armutsbekämpfung ein, wogegen der „globale Norden“ mit Verweis auf der historischen Klimaschuld und somit zugunsten der Klimagerechtigkeit schrumpfen müsse. Schmelzer macht jedoch in Hinblick auf Schrumpfungsprozesse auf einen weiteren gewichtigen Aspekt in der Postwachstumsdebatte aufmerksam: Demzufolge geht es bei der Transformation der Wachstumsgesellschaft in eine Post-Wachstumsgesellschaft weniger um einen schlichten Rückgang ökonomischer Aktivität, als vielmehr um einen grundlegenden Umbau gesellschaftlicher Macht- und Wirtschaftsverhältnisse verbunden mit einer Abkehr vom Wachstumsparadigma. Er verweist diesbezüglich auf das Label „Eure Rezession ist nicht unser Postwachstum.“ Am Beispiel der Verhandlungen des Pariser Klimagipfels (COP 21) kritisiert Schmelzer zudem, dass für die Reduzierung der CO2-Emissionen  konkrete Umsetzungsmechanismen fehlten.

Das Wohlstandsversprechen einer sogenannten Grünen Ökonomie sei in diesem Verständnis illusorisch; Schmelzer plädiert stattdessen für eine grundlegende Repolitisierung sozialer wie ökonomischer Verteilungsfragen.

Dieter Janecek kommt in seiner Argumentation zu anderen Schlüssen: Für ihn geht es um die Frage, ob es der Weltgesellschaft gelingt, Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln oder: „Wie werden wir, wie werden die anderen wachsen?“ Im globalen Kontext kommt es aus dieser Perspektive darauf an, gemeinsame Rahmenbedingen zu finden, welche die weltwirtschaftliche Entwicklung ökologisch nachhaltig steuern.

In Bezug auf die Frage nach einem Umbau der Ökonomie und der wirtschaftlichen Wertschöpfung im Rahmen ökologischer Grenzen sieht Janecek durchaus positive Entwicklungen: So verweist er auf globale Trends, die eine Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch andeuten; auf den Umstand, dass in Europa und den USA die CO2-Ausstöße rückläufig seien – trotz wirtschaftlichem Wachstum, auf zunehmende Investitionen im Bereich der erneuerbaren Energien sowie auf den massiven Ausbau derer vor allem in den USA aber auch in China.